PRIIPs-KID: Das Informationsblatt richtig lesen
Recht & Regulierung

PRIIPs-KID: Das Informationsblatt richtig lesen

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Das PRIIPs-KID ist für Schweizer Anlegerinnen und Anleger zentral: Es bündelt Risiko, Kosten und Szenarien auf drei Seiten. So lesen Sie das Informationsblatt souverän.

Wer strukturierte Produkte, ETFs, Fonds oder kapitalbildende Versicherungen kauft, erhält in der EU seit 2018 ein Key Information Document (KID) nach PRIIPs-Verordnung. Seit 2023 gilt das auch für UCITS-Fonds, die das alte KIID abgelöst haben. In der Schweiz verlangt das FIDLEG ein eigenes Basisinformationsblatt (BIB), das dem EU-KID in Aufbau und Zielen nahekommt. Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Drei Seiten entscheiden darüber, ob ein Produkt verstanden wird – oder nicht. Wie liest man dieses Informationsblatt, ohne sich von Zahlenkolonnen oder wohlklingenden Szenarien blenden zu lassen?

Das KID ist kein Marketingprospekt, sondern ein regulatorisch standardisiertes Dokument. Es soll Produkte vergleichbar machen, indem es zentrale Informationen zu Zweck, Risiken, Kosten, Haltedauer und Renditeszenarien bündelt. Grundlage sind die EU-Verordnung (EU) Nr. 1286/2014 über verpackte Anlageprodukte für Kleinanleger (PRIIPs) sowie die technischen Regulierungsstandards, die die Europäischen Aufsichtsbehörden (EBA, EIOPA, ESMA) regelmässig präzisieren. Die FINMA verweist für die Schweiz auf analoge Vorgaben im Rahmen von FIDLEG/FIDLEV und die Pflicht zum BIB, wenn Produkte an nicht-professionelle Kundinnen und Kunden vertrieben werden.

Was das PRIIPs-KID leistet — und was nicht

Im Abschnitt «Was ist dieses Produkt?» finden sich Rechtsform, Anlageziel, wesentliche Bestandteile der Strategie und die empfohlene Haltedauer. Diese empfohlene Haltedauer ist normativ: Die Szenarien und Kostenrechnungen im KID beziehen sich genau darauf. Wer deutlich kürzer oder länger investiert, sollte die Aussagen entsprechend relativieren.

Der Abschnitt «Welche Risiken bestehen und was könnte ich zurückbekommen?» enthält den Summary Risk Indicator (SRI) auf einer Skala von 1 (niedrig) bis 7 (hoch). Er bündelt in einem Wert Markt- und gegebenenfalls Kreditrisiken des Anbieters. Für strukturierte Produkte mit Emittentenrisiko ist das zentral; bei Fonds steht primär das Marktrisiko im Vordergrund. Wichtig: Der SRI ist eine Vergleichsgrösse, kein Frühwarnsystem. Er reagiert auf historische Volatilität und Modellannahmen, nicht auf künftige Schocks.

Die Performance-Szenarien (ungünstig, moderat, günstig, Stress) sollen Spannbreiten illustrieren. Nach Kritik an zu optimistischen Werten wurden die Methoden per 2023 überarbeitet. Dennoch bleiben Szenarien Modellprodukte: Sie sind keine Prognosen und basieren auf Vergangenheits- und Verteilungsannahmen, die in extremen Märkten versagen können. Anlegerinnen und Anleger sollten prüfen, ob die Szenarien in der Produktwährung oder in ihrer Heimatwährung angegeben sind und ob Währungsrisiken separat erläutert werden.

Risiko, Szenarien, Haltedauer: richtig deuten

Der SRI kann zwischen ähnlichen Produkten sinnvoll differenzieren. Ein globaler Aktien-ETF dürfte typischerweise bei SRI 4–5 liegen, ein Geldmarktprodukt bei 1–2, ein gehebeltes Zertifikat bei 6–7. Doch die Zahl erzählt nicht die ganze Geschichte. Lesen Sie die Risikoerläuterungen im Fliesstext: Liquiditätsrisiken, Konzentrationen, Derivateeinsatz oder Emittentenbonität werden dort präzisiert. Prüfen Sie zudem, wie die empfohlene Haltedauer das Risiko beeinflusst. Viele Produkte wirken über kurze Zeiträume riskanter, glätten aber über längere Horizonte. Andere – etwa strukturierte Produkte mit Barrieren – tragen Pfadabhängigkeiten, die ein späteres «Aussitzen» erschweren.

Bei den Szenarien lohnt ein Realitätscheck: Stimmen die Stressannahmen mit Ihrer Erfahrung extremer Marktphasen überein? Passen die moderaten Annahmen zu langfristigen Renditeerwartungen der relevanten Anlageklasse? Offizielle Quellen wie die ESMA und die europäischen Aufsichtsbehörden erläutern in Q&As die Methodik und ihre Grenzen. Entscheidend bleibt, das Szenariopanorama als Bandbreite, nicht als Versprechen zu lesen.

Der Reduction in Yield (RIY) im Fokus

Im Kostenblock zeigt das KID den «Reduction in Yield» (RIY): Um wie viele Prozentpunkte pro Jahr die Gesamtkosten Ihre Bruttorendite reduzieren, bezogen auf die empfohlene Haltedauer. Das ist eine starke, vergleichbare Metrik. Sie umfasst einmalige Kosten (z. B. Ausgabeabschlag), laufende Kosten (z. B. Verwaltungsgebühr), Transaktionskosten und «incidental costs» wie Performance Fees. Nach Anpassungen der technischen Standards werden methodische Ausreisser – etwa rechnerisch negative Transaktionskosten – eingedämmt. Dennoch gilt: Der RIY ist szenariobasiert und kann je nach Haltedauer, Turnover und Marktumfeld variieren.

Kostenblock verstehen und vergleichen

Neben dem RIY lohnt der Blick in die Aufschlüsselung «Kosten über die Zeit» und «Zusammensetzung der Kosten». Achten Sie auf erfolgsabhängige Gebühren: Performance Fees können in guten Jahren den RIY spürbar erhöhen. Prüfen Sie bei ETFs die Differenz zwischen Total Expense Ratio (TER) im Marketingmaterial und den laufenden Kosten im KID; die KID-Zahl ist umfassender und enthält Transaktionskomponenten. Für währungsgesicherte und nicht-gesicherte Klassen desselben Fonds können Kosten und Szenarien divergieren.

Für Schweizer Produkte gilt das FIDLEG-BIB als rechtlich massgeblich. Inhalt und Zielsetzung ähneln dem PRIIPs-KID, doch es können methodische Details abweichen. Wer EU- und CH-Version desselben Produkts in Händen hält, sollte innerhalb eines Regimes vergleichen, um Äpfel nicht mit Birnen zu messen. FINMA und das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) liefern dazu Orientierung; die EU-Seite bietet mit EUR-Lex und den Q&As der ESAs tiefergehende Erklärungen.

Rechtlich relevante Referenzen sind u. a. die PRIIPs-Verordnung (EU) Nr. 1286/2014 und die delegierten Verordnungen zu den technischen Standards (u. a. 2021/2268, 2021/2269) sowie die FIDLEG/FIDLEV in der Schweiz. Lesenswerte Einstiege bieten ESMA- und EIOPA-Seiten zu PRIIPs sowie FINMA-Informationen zum Basisinformationsblatt. Sie helfen, die Grenzen des Formats zu verstehen: Das KID ersetzt weder Prospekt noch persönliche Eignungsprüfung, erhöht aber die Vergleichbarkeit deutlich.

Fazit: Wer das KID diszipliniert liest, gewinnt Klarheit über Zweck, Risiken, Haltedauer und Kosten. Der SRI ordnet ein, die Szenarien schaffen Bandbreite, der RIY macht Kosten greifbar. Bleiben Sie kritisch bei Annahmen und vergleichen Sie Produkte konsistent innerhalb desselben Regelwerks. Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.

EU-Verordnung (EU) Nr. 1286/2014 | ESMA – PRIIPs-KIDs | FINMA – FIDLEG/Basisinformationsblatt

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