Markt & Makro

Kardex schluckt Rocket Solution

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Kleiner Zukauf mit grosser Signalwirkung Kardex vertieft die Partnerschaft mit Rocket Solution und übernimmt eine kontrollierende Mehrheitsbeteiligung an dem 2020 eingestiegenen Start-up. Das gab der Zürcher Intralogistiker heute in einer Ad-hoc-Mitteilung bekannt. Rocket Solution wird vollkonsolidiert und als dritte Business Unit – neben Kardex Mlog und Kardex AS Solutions – im Segment Standardized Systems geführt.

Kardex vertieft die Partnerschaft mit Rocket Solution und übernimmt eine kontrollierende Mehrheitsbeteiligung an dem 2020 eingestiegenen Start-up. Das gab der Zürcher Intralogistiker heute in einer Ad-hoc-Mitteilung bekannt. Rocket Solution wird vollkonsolidiert und als dritte Business Unit – neben Kardex Mlog und Kardex AS Solutions – im Segment Standardized Systems geführt. Das Unternehmen aus Wächtersbach (D) beschäftigt rund 40 Spezialistinnen und Spezialisten, behält seine Marke und soll weiterhin auch unabhängige Systemintegratoren ausserhalb der Kardex-Gruppe beliefern. Finanzielle Details zum Kaufpreis oder zur Beteiligungshöhe legte Kardex nicht offen.

Die strategische Logik liegt auf der Hand: Rocket Solution entwickelt automatisierte Kleinteilelager auf Shuttle-Basis. Solche Behältershuttles zielen auf hohe Lagerdichte, modulare Skalierbarkeit und schnelle Durchsatzraten – eine Technologie, die in wettbewerbsintensiven Nischen wie Automotive, Elektronik, Pharma und E‑Commerce gefragt ist. Nach sechs Pilotprojekten mit Namen wie BMW, Groninger, Lisca und Porsche – und mehreren Optimierungsschleifen – sei Rocket «bereit, vollwertiges Mitglied der Kardex-Familie zu werden», so CEO Jens Hardenacke in der Mitteilung. Das ist weniger ein Paukenschlag als eine konsequente Weichenstellung im wachsenden Lightgoods-Markt.

Standardisierte Systeme statt Projektlastigkeit

Mit Rocket stärkt Kardex seinen Baukasten an standardisierten, skalierbaren Systemen. Das ist zentral, weil standardisierte Plattformen typischerweise wiederholbar ausrollbar sind, kürzere Lieferzeiten und planbarere Margen ermöglichen – anders als grossformatige, einmalige Logistikprojekte. Kardex’ Portfolio deckt heute ein breites Spektrum ab: von vertikalen Liftmodulen und Karussells (AS Solutions) über Paletten- und Hochregallösungen (Mlog) bis zu kompakten Kleinteilelagern. Rocket fügt als Shuttle-Lösung genau dort an, wo Kunden hohe Leistung auf kleiner Fläche brauchen und sich nicht auf kubische Systemarchitekturen festlegen wollen.

Bemerkenswert ist die Kanalstrategie: Rocket bleibt als Marke am Markt und bedient weiterhin auch Drittintegratoren. Das reduziert das Risiko von Channel-Konflikten und erhält den Zugang zu Kunden, die Kardex nicht direkt adressiert. Gleichzeitig gewinnt Kardex mehr eigene Technologiehoheit im Kleinteile-Segment, das bisher stark von Partnern geprägt war. In einem Umfeld, in dem Systemintegratoren um Differenzierung ringen, ist proprietäre IP ein Hebel – für Preisgestaltung, Lifecycle-Services und Upgrades.

Technologisch steht Rocket in einem dichten Wettbewerbsfeld. Neben Shuttle-Anbietern wie SSI Schäfer, Knapp, Dematic oder TGW hat sich das kubische Lagerprinzip von AutoStore als De-facto-Standard etabliert. Kardex ist hier Integrationspartner, erweitert mit Rocket jedoch die Option, je nach Kundenprozess zwischen Shuttle- und Cube-Architektur zu wählen oder beides zu kombinieren. Für Anwender zählt die Gesamtlogik – Durchsatz, Flächeneffizienz, Energieverbrauch, Redundanz, Integrationsaufwand – weniger das Dogma einer einzigen Technologie.

Skalierung entscheidet über den Wertbeitrag

Kurzfristig dürfte der Umsatzbeitrag von Rocket angesichts der Unternehmensgrösse überschaubar sein. Strategisch geht es um Skalierung: Industrialisierung der Produktion, abgesicherte Lieferketten, ein belastbarer Service-Footprint und ein Reifegrad der Software, der nahtlose Anbindung an WMS/MES-Umgebungen ermöglicht. Kardex bringt genau diese Skalierungsbausteine mit – von der globalen Serviceorganisation über Engineering-Ressourcen bis zu einem breiten Kundenstamm in der diskreten Industrie.

Für Investoren bleiben mehrere Punkte offen, die über den finanziellen Hebel entscheiden: Erstens die Konditionen der Transaktion (Kaufpreis, Earn-outs, Minderheiten), zweitens der Margenpfad von Rocket entlang der Hochlaufkurve, drittens die Order-Pipeline jenseits der genannten Piloten. Wichtig wird, wie schnell sich Projekte von Prototypen zu Serienreferenzen entwickeln und ob Kardex Cross-Selling in bestehende Accounts realisieren kann. Vollkonsolidierung bedeutet, dass Umsatz und Ergebnis künftig im Konzernabschluss sichtbar werden – mit den üblichen Effekten von PPA/Goodwill und einem zunächst begrenzten, aber hoffentlich wachsenden Ebit-Beitrag.

Operativ ist die Integration in das Segment Standardized Systems folgerichtig. Kardex hat in den vergangenen Jahren den Anteil wiederholbarer, standardisierter Lösungen erhöht – eine Antwort auf volatile Investitionszyklen nach dem Pandemie-Boom und den darauffolgenden Projektverzögerungen. Die Nachfrage nach Automatisierung bleibt strukturell intakt: Arbeitskräftemangel in der Logistik, steigende Lohnkosten, Flächenknappheit in urbanen Räumen, Energieeffizienzanforderungen und der Trend zu Nearshoring treiben Investitionen in kompakte, flexible Systeme. Gleichwohl bleibt das Timing zyklisch: Budgetfreigaben hängen an Zinsen, Capex-Disziplin und Lieferfähigkeit.

Einordnung im Markt: Breite schlägt Einzellösung

Die Übernahme sendet ein klares Signal: Kardex will im Lightgoods-Segment breiter auftreten und sich weniger von einzelnen Technologiepartnern abhängig machen. Für Kunden kann das ein Vorteil sein, weil Konflikte zwischen Prozessanforderung und Lieferantenökosystem entschärft werden. Für Kardex erhöht sich die Komplexität im Portfolio – von Produkt-Roadmaps bis zu Schulung, Ersatzteilen und Softwarekompatibilität. Gelingt die Orchestrierung, entsteht ein Angebotsmix, der von der manuellen Kompaktlösung bis zum hochdynamischen Shuttle reicht und über den Lebenszyklus wiederkehrende Serviceerträge generiert.

Der Standort Wächtersbach und ein Team von rund 40 Fachkräften deuten darauf hin, dass Rocket noch am Anfang der Industrialisierung steht. Das ist Chance und Risiko zugleich: Prozesse lassen sich früh standardisieren, gleichzeitig sind Kapazitätssprünge anfällig für Lieferengpässe und Qualitätskanten. Die Zusicherung, unabhängige Integratoren weiter zu bedienen, spricht für eine marktorientierte Haltung – und dürfte die Akzeptanz im Partnernetzwerk erhöhen.

Fazit: Kardex kauft nicht Grösse, sondern Option. Die vollständige Integration von Rocket Solution ist ein kleiner Schritt in Zahlen, aber ein gewichtiger in der Positionierung. Im Wettlauf um standardisierte, skalierbare Kleinteilelösungen stärkt der Zukauf die Handlungsfreiheit. Entscheidend wird, wie schnell Rocket vom Pilot- in den Serienmodus kommt – und ob Kardex daraus eine verlässliche Margenquelle formt.

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