Konjunkturindikatoren lesen: PMI, BIP, Arbeitsmarkt
Markt & Makro

Konjunkturindikatoren lesen: PMI, BIP, Arbeitsmarkt

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Konjunkturindikatoren richtig lesen: Wie PMI, BIP und Arbeitsmarkt Impulse für Anlageklassen geben – und wo die Grenzen dieser Signale liegen.

Makrodaten bewegen Preise quer über Anlageklassen. Wer die grossen Indikatoren – Einkaufsmanagerindizes (PMI), Bruttoinlandprodukt (BIP) und Arbeitsmarkt – einordnet, versteht Zins- und Kreditzyklen besser und erkennt, wann Risikoappetit kippt. Doch jeder Indikator hat Eigenheiten, Zeitverzögerungen und Messfehler. Wer daraus robuste Schlüsse ziehen will, kombiniert Quellen, prüft Konsistenz und beachtet Revisionen.

PMI: das frühe Fieberthermometer

Der PMI ist ein Diffusionsindex aus monatlichen Unternehmensumfragen. Werte oberhalb der 50er-Schwelle signalisieren Expansion, darunter Kontraktion. Erfasst werden Komponenten wie neue Aufträge, Produktion, Beschäftigung, Lieferzeiten und Lager. Es gibt ihn für Industrie und Dienstleistungen, national (z. B. Schweiz von procure.ch in Zusammenarbeit mit S&P Global; USA vom ISM) und global (S&P Global). Weil er zeitnah erscheint und Stimmungsumschwünge früh erfasst, führt der PMI den realen Aktivitätsdaten oft um ein bis drei Quartale.

Besonders aussagekräftig sind die Subindizes neue Aufträge und deren Verhältnis zu Lagerbeständen. Dreht diese Relation nach oben, verbessert sich die Ertragsdynamik in der Industrie häufig bald danach. Umgekehrt kann ein sinkender Auftragsbestand trotz voller Lager später zu Margendruck führen. Die Komponente Lieferzeiten verlangt heute Feingefühl: In Lieferkettenkrisen verlängern sich Lieferzeiten, was den PMI mechanisch hebt, ohne dass reale Nachfrage zulegt. Entspannung der Lieferzeiten kann den PMI senken, obwohl sich die Angebotslage normalisiert. Kontext ist entscheidend.

Auch die Service-PMIs verdienen Beachtung. In Volkswirtschaften, in denen Dienstleistungen den Grossteil der Wertschöpfung stellen, gibt der Servicesektor oft den Ton an. Gleichwohl schlagen globale Güterzyklen über Handel, Investitionen und Lageranpassungen stark auf Märkte durch. Quellen wie S&P Global, ISM und procure.ch liefern hier hochfrequente Signale.

Was der PMI für Anlageklassen signalisiert

In Phasen, in denen der PMI vom Tief steigt, verbessert sich die Gewinnsicht typischerweise, Risikoaufschläge am Kreditmarkt engen sich und rohstoffnahe Segmente atmen auf. Hält ein breiter PMI-Aufschwung an, stützt dies häufig zyklische Aktien und die Stimmung in Hochzinsanleihen. Dreht der PMI unter die 50er-Schwelle und verbreitert sich die Schwäche, nehmen Gewinnrevisionen zu, Kreditspreads weiten sich und die Nachfrage nach sicheren Staatsanleihen steigt. Der Franken tendiert in globalen Risikoaversionen als sicherer Hafen zu stärkerer Nachfrage.

Diese Muster sind keine Gesetzmässigkeiten. Inflationsschocks können die Korrelationen umkehren, wenn Notenbanken aggressiv straffen. Ein PMI-Rückgang gepaart mit hartnäckig hoher Inflation presst die Zentralbanken in eine unbequeme Lage – sowohl Aktien als auch Anleihen können in solchen Phasen parallel unter Druck geraten. Deshalb lohnt der Blick auf die Preis- und Kostenkomponenten in den PMIs, die früh Hinweise auf Margen und die Richtung der Teuerung liefern.

BIP und Arbeitsmarkt: solides Fundament, späte Signale

Das BIP misst die Wirtschaftsleistung umfassend, kommt aber später und wird oft revidiert. In der Schweiz veröffentlicht das SECO Quartalszahlen, internationale Vergleichswerte liefern OECD und Eurostat. Um die Lücke zur Realzeit zu schliessen, helfen Nowcasts, etwa der KOF ETH Zürich, die anhand von Hochfrequenzdaten Wachstumsränder abschätzen. Historisch markieren Börsen Böden häufig, bevor die BIP-Dynamik wieder dreht – ein Hinweis, dass BIP für taktische Entscheidungen allein zu träge ist, aber als Plausibilitätsanker bleibt.

Der Arbeitsmarkt ist der spätzündende Indikator. Unternehmen zögern mit Entlassungen, solange Auftragslage und Margen nur vorübergehend schwanken. Entsprechend bleibt die Arbeitslosigkeit oft bis spät im Zyklus tief. In der Schweiz berichten SECO und Bundesamt für Statistik über Arbeitslosenquote, Erwerbstätigkeit, offene Stellen und Lohnentwicklung. International sind das U.S. Bureau of Labor Statistics für die USA und Eurostat für die Eurozone zentrale Quellen. Vorlaufindikatoren wie Stellenausschreibungen, Wochenarbeitsstunden oder Probezeitkündigungen können subtile Wendezeichen liefern, noch bevor die Quote steigt.

Für Anleihemärkte sind Lohn- und Beschäftigungstrends zentral, weil sie den Lohnkostendruck und damit die Inflationspersistenz abbilden. Eine angespannte Lage mit starkem Lohnwachstum hält die Geldpolitik länger restriktiv, was Renditen am kurzen Ende stützt und die Realzinsen hoch hält. Entspannt sich der Arbeitsmarkt spürbar und kühlt die Nachfrage ab, erhöhen sich die Chancen auf Lockerung, was die Zinskurve beeinflussen kann. Die Schweizerische Nationalbank verknüpft ihre Lagebeurteilung mit Inflation, Kapazitätsauslastung und Arbeitsmarkt; der Pfad bleibt datenabhängig.

Weil BIP und Arbeitsmarkt revidiert werden, lohnen Zweitmeinungen. Stimmen PMI-Trend, BIP-Nowcasts und Signale vom Arbeitsmarkt überein, steigt die Aussagekraft. Divergenzen mahnen zur Vorsicht. Der Corona-Schock hat gezeigt, wie rasch Strukturänderungen die Lesart historischer Muster erschweren – von Lieferketten bis Demografie.

Fazit: Niemandes Indikator ist unfehlbar. Wer Konjunkturindikatoren liest wie ein Portfoliomanager einen Geschäftsbericht, achtet auf Trend, Breite, Revisionen und Nebenbilanzen. Ein früh drehender PMI kann Chancen signalisieren, ein heisser Arbeitsmarkt kann Zinsrisiken länger hochhalten, ein revidierbares BIP gibt den Realitätscheck. Für Anlageentscheide gilt dennoch: Rahmenbedingungen, Risikotoleranz und Diversifikation zählen. Dieser Text stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar.

Datenquellen und Referenzen: procure.ch und S&P Global (PMI Schweiz und global), ISM (USA), SECO und BFS (Schweiz), KOF ETH Zürich (Nowcasts), OECD und Eurostat (Internationales), SNB (Geldpolitik).

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