Rezession vs. Bärenmarkt: Wo die Grenzen wirklich liegen
Markt & Makro

Rezession vs. Bärenmarkt: Wo die Grenzen wirklich liegen

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Rezession und Bärenmarkt sind nicht dasselbe: Erstere beschreibt die Wirtschaft, Letzterer die Preise an der Börse. Wer die Unterschiede kennt, bleibt ruhiger.

Rezession und Bärenmarkt werden im Börsenalltag gern in einen Topf geworfen. Das ist bequem – und irreführend. Die Rezession beschreibt einen breit angelegten Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität. Der Bärenmarkt erfasst vor allem den Preissturz an Aktienmärkten. Beide Phänomene beeinflussen sich, sind aber weder identisch noch zwingend gekoppelt. Wer die Unterschiede kennt, interpretiert Signale präziser, ordnet Risiken besser ein und reagiert weniger hektisch.

Definitionen ohne Mythen

Ökonomisch gilt: Eine Rezession ist mehr als «zwei negative BIP-Quartale in Folge». In den USA definiert das NBER eine Rezession als deutlichen, breiten und anhaltenden Rückgang in Bereichen wie Produktion, Einkommen, Beschäftigung und Konsum. In der Schweiz stützen sich SECO und KOF auf ähnliche Breitenindikatoren, um konjunkturelle Wendepunkte zu datieren. Dauer und Tiefe schwanken: Historisch hielten Rezessionen in entwickelten Volkswirtschaften meist einige Quartale an, die Spanne reicht von kurzen, scharfen Einbrüchen (Pandemie 2020) bis zu langgezogenen Abschwüngen (Finanzkrise 2008/09).

Ein Bärenmarkt hingegen ist eine Börsen-Definition: Ein Rückgang von mindestens 20 % vom Kursgipfel, oft gemessen am S&P 500, am MSCI World oder am heimischen SMI/SPI. Diese Schwelle ist pragmatisch, nicht naturgegeben. Sie verankert Erwartung und Kommunikation. Daten von S&P Dow Jones Indices und MSCI zeigen: Bärenmärkte dauern im Median weniger als Rezessionen, sind aber volatiler. Manche enden schnell, wie 2020. Andere ziehen sich über viele Quartale, etwa nach dem Platzen der Dotcom-Blase. Entscheidend: Bärenmärkte messen Preise, nicht die Realwirtschaft. Inflation und Währung können das Bild verzerren; real und in CHF gerechnet sieht dieselbe Episode anders aus als nominal in USD.

Kausalität: lose Kopplung

Märkte antizipieren Konjunktur – aber unvollkommen. Es gab Bärenmärkte ohne anschliessende Rezession (1987, 2018, in den USA auch 2022), und Rezessionen ohne tiefe, lang anhaltende Bärenmärkte (1990/91 war an den Aktienmärkten relativ milde). Aktien preisen nicht nur Konjunktur ein, sondern auch Zinsen, Liquidität, Risikoaversion und Bewertungsniveaus. Steigen Zinsen und Diskontsätze schnell, sinken Bewertungen selbst bei robusten Gewinnen. Fallen Gewinne, verstärkt sich der Druck. Historisch schrumpfen Unternehmensgewinne in Rezessionen häufig im mittleren zweistelligen Prozentbereich, die Spanne ist gross und branchenspezifisch.

Frühindikatoren wie Einkaufsmanagerindizes, der Arbeitsmarkt oder die Zinsstrukturkurve liefern Signale, keine Gewissheiten. Eine inverse Zinskurve ging vielen US-Rezessionen voraus, produzierte aber auch Fehlalarme. Für die Schweiz spielt zusätzlich der Aussenhandel und die Stärke des CHF eine Rolle: Eine harte Weltrezession trifft die exportorientierte Industrie schneller als den Binnenkonsum, der von Zuwanderung und stabilen Einkommen getragen sein kann.

Makrokanäle und Marktmechanik

Der klassische Übertragungskanal von der Geldpolitik zur Börse verläuft über Finanzierungskosten, Kreditverfügbarkeit und Bewertungen. Nach Jahren negativer Leitzinsen strafften die Zentralbanken 2022/23 deutlich, bevor sie – je nach Land – vorsichtige Lockerungsschritte andeuteten. Die SNB agiert datengetrieben, mit dem doppelten Ziel Preisstabilität zu sichern und übermässige Frankenaufwertung zu vermeiden. Für Unternehmen bedeuten höhere Zinsen teurere Refinanzierung und strengere Kreditstandards; für Anlegerinnen und Anleger sinkt der Barwert künftiger Cashflows. Beides belastet Aktien, vor allem hoch bewertete Wachstumswerte.

In einer Rezession weiten sich Kreditspreads, Margen geraten unter Druck, Investitionen werden verschoben. Zyklische Sektoren leiden früher und stärker als defensive Branchen. Dennoch reagieren Märkte oft vor der Realwirtschaft. Wenn die Geldpolitik glaubwürdig dreht und die Sicht auf Gewinne sich stabilisiert, können Aktien steigen, obwohl das BIP noch fällt. Umgekehrt wiegt ein Inflationsschock schwer: 2022 fielen Aktien und Obligationen gleichzeitig, weil steigende Renditen die Korrelation drehten – eine Erinnerung daran, dass Diversifikation regimeabhängig ist.

Für Anlageklassen heisst das: Staatsanleihen entwickelter Länder fungieren in klassischen, disinflationären Rezessionen oft als Stabilisator. In inflationsgetriebenen Schocks ist ihre Pufferwirkung begrenzt. Investment-Grade-Kredit hängt am Spreadrisiko; High Yield reagiert empfindlich auf Ausfallängste. Gold profitiert teils als sicherer Hafen, teils als Inflationsschutz, aber nicht zuverlässig. Cash wird bei höheren Zinsen wieder zur Option, wenn Liquidität und Opportunismus gefragt sind. Der CHF dient in Stressphasen oft als Anker, was Auslandserträge in CHF schmälern kann, Verluste aber manchmal dämpft. Historisch zeigen Daten von SNB, SECO, S&P und MSCI: Kein Muster hält immer, doch die Kombination aus qualitativer Diversifikation, Liquiditätsreserven und Disziplin erhöht die Robustheit über Zyklen.

Was folgt daraus? Erstens: Rezession und Bärenmarkt sind unterschiedliche Linsen auf denselben Zyklus. Zweitens: Timing ist unzuverlässig, Prozesse sind verlässlich. Wer Szenarien denkt, Portfolios regelbasiert rebalanciert und Liquidität kalkuliert, reduziert Fehlerkosten. Drittens: Bewertung und Qualität sind keine Garantien, aber ein Puffer, wenn die Spreads aufspringen und die Gewinnschätzungen fallen. Viertens: Die lokale Verankerung zählt. Schweizer Einkommen, Steuern und Verpflichtungen sind in CHF; Währungsrisiken und die Rolle des CHF gehören in jedes Mandat.

Dieser Text ist eine Einordnung, keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Er stützt sich auf öffentlich zugängliche Analysen und Historik von NBER, SECO, KOF, SNB, S&P Dow Jones Indices und MSCI. Entscheidend bleibt die individuelle Ausgangslage: Ziele, Zeithorizont, Liquiditätsbedarf und Risikotoleranz bestimmen, wie stark ein Portfolio Rezessions- oder Bärenmarktrisiken ausgesetzt sein sollte – und wie es sie aushält.

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