Aktien, Anleihen, Cash: was sie trennt – und verbindet
Anlagestrategien & Portfolio

Aktien, Anleihen, Cash: was sie trennt – und verbindet

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Aktien, Anleihen und Cash unterscheiden sich bei Rendite, Risiko und Liquidität. Ein nüchterner Vergleich zeigt, wann welches Instrument dominiert.

Aktien, Anleihen und Cash bilden den Kern jedes Portfolios. Alle drei versprechen Wertaufbewahrung, unterscheiden sich jedoch fundamental in Rechtsansprüchen, Renditequellen und Risikotreibern. Wer diese Mechanik versteht, kann Marktlärm einordnen, Drawdowns besser aushalten und Entscheidungen mit System statt Bauch treffen. Der folgende Überblick stützt sich auf langjährige Kapitalmarktforschung (u. a. Dimson/Marsh/Staunton, Fama/French), Marktindizes (MSCI, Bloomberg) und Analysen von Notenbanken wie der SNB und der BIS.

Renditequellen und Risiken im Vergleich

Aktien sind Eigentumstitel. Ihre Rendite speist sich aus Gewinnwachstum, Dividenden und Bewertungsänderungen. Langfristige Schätzungen für globale Aktien liegen real bei rund 3–5% pro Jahr über Inflation, mit nominal zweistelligen Schwankungen in einzelnen Jahren. Das spiegelt das Residualrisiko wider: Aktionärinnen stehen hinter allen Gläubigern. Drawdowns von 30–50% sind in Rezessionen möglich. Historische Arbeiten wie das Global Investment Returns Yearbook dokumentieren dennoch einen robusten Aktientrend über Dekaden – aber nur für Geduldige mit ausreichendem Zeithorizont und Diversifikation.

Anleihen versprechen vertragliche Cashflows. Das Risiko verlagert sich von Gewinnvolatilität zu Zins- und Kreditrisiko. Staatsanleihen hoher Bonität tragen primär Zinsänderungsrisiko: Steigen die Marktzinsen, fallen Anleihekurse. Die Preissensitivität misst die Duration. 2022 zeigte, wie schmerzhaft das sein kann: Der globale Investment-Grade-Markt verbuchte zweistellige Verluste, der stärkste Rückschlag seit Jahrzehnten, als die Inflation hochschnellte und Notenbanken die Zinsen zügig anhoben. Unternehmensanleihen fügen Kreditspreads hinzu – eine Prämie für Ausfall- und Liquiditätsrisiken, die in Rezessionen ansteigen. Für in CHF rechnende Anleger ist zudem die Währungsdimension zentral: Globale Anleihen werden oft währungsgesichert gehalten, um Fremdwährungsschwankungen zu reduzieren, was die Rendite näher an die Differenz der Geldmarktsätze bringt.

Cash – Sichtguthaben oder sehr kurzfristige Geldmarktanlagen – bietet nominell geringe Schwankungen und hohe Verfügbarkeit. Sein Hauptrisiko ist real: Inflationsphasen nagen an der Kaufkraft. Die Zinssteuerung der Zentralbanken schlägt hier direkt durch. Wenn die SNB das Zinsniveau senkt, sinken Geldmarkterträge rasch; bei Anhebungen steigen sie. Cash dient als Liquiditätspuffer und als „optionaleridad“, um Opportunitäten zu nutzen. Doch als langfristiger Inflationsschutz taugt es kaum.

Liquidität, Laufzeit und die Rolle der Zentralbanken

Liquidität ist nicht binär. Börsenliquidität bei Blue-Chip-Aktien ist in normalen Phasen hoch; Spreads bleiben eng. In Stressphasen weiten sie sich, dennoch bleibt der Handel meist möglich. Der Anleihemarkt ist fragmentierter und stark OTC-getrieben; selbst grosse Emissionen können in Stressmomenten illiquide werden, was Bewertungs- und Abwicklungsschwankungen verstärkt. Geldmarktanlagen sind am kurzen Ende der Zinskurve verankert und typischerweise sehr liquid, solange die Marktinfrastruktur (Repo, T-Bills) funktioniert.

Die Zentralbankpolitik definiert den Anker kurzer Zinsen und beeinflusst Erwartungen über die gesamte Kurve. Forward Guidance, Bilanzpolitik und Inflationserwartungen wirken auf Bewertungsniveaus in beiden grossen Anlageklassen. In Phasen glaubwürdiger Preisstabilität tendieren die Korrelationen zwischen Aktien und Staatsanleihen eher negativ, weil Zinssenkungen als Puffer fungieren. Wenn dagegen Inflation der dominante Schock ist, können beide gleichzeitig fallen – wie Analysen der BIS für die 1970er Jahre und das Jahr 2022 zeigen.

Bei Cash ist das Gegenparteirisiko zu beachten. Bankeinlagen in der Schweiz sind durch esisuisse bis CHF 100'000 pro Kundin und Bank gesichert. Geldmarktfonds streuen über Emittenten und Sicherheiten (z. B. Repo mit hoher Qualität), tragen jedoch Marktrisiken wie Spread- und Liquiditätsrisiken. Diese Konstruktionen sind stabil, aber nicht risikolos.

Korrelationen, Inflation und der Zeithorizont

Korrelationen sind keine Naturkonstante. In Wachstums- und Disinflationsphasen dämpfen Staatsanleihen Aktienschwankungen; in Inflationsschocks kann der Gleichlauf positiv werden, was den klassischen 60/40-Mix temporär schwächt. Langfristige Datenreihen von MSCI und Bloomberg deuten jedoch darauf hin, dass Diversifikation über Anlageklassen und Regionen robust bleibt – sofern Anleger den Zeithorizont ihrer Verpflichtungen beachten und nicht in die Zwangsliquidation geraten.

Inflation verteilt Karten neu. Aktien schützen langfristig tendenziell besser vor Inflation, weil Unternehmen Preise und Margen anpassen können. Kurzfristig leiden sie, wenn die Notenbank die Finanzierung verteuert und Bewertungsmultiplikatoren schrumpfen. Hochqualitative Anleihen können – bei Halten bis Endfälligkeit und ausreichender laufender Rendite – nominale Sicherheit bieten, sind aber bei realen Grössen im Nachteil, wenn Inflationsüberraschungen anhalten. Cash wahrt Flexibilität und begrenzt nominale Verluste, erodiert aber real, wenn die Inflation über dem Geldmarktertrag liegt.

Praktisch heisst das: Die Wahl zwischen Aktien, Anleihen und Cash ist kein Entweder-oder, sondern eine Funktion von Zielen, Zeithorizont, Risikotragfähigkeit und Liquiditätsbedarf. Wer planbare Ausgaben in den nächsten Jahren hat, meidet unnötige Zins- und Marktrisiken auf diesem Teil der Mittel. Wer Vermögen über Dekaden mehren will, braucht das Renditepotenzial von Produktivkapital – mit allen Zwischenböen. Und wer auf Gelegenheiten warten will, nutzt Cash als strategische Option. Steuern, individuelle Umstände und regulatorische Vorgaben können die Abwägungen verändern; sie sind fall- und rechtsraumabhängig.

Die Märkte werden auch künftig mit Phasen tiefer Zinsen, heftiger Inflationsschübe und plötzlicher Liquiditätsengpässe überraschen. Ein klarer Blick auf die ökonomische DNA der drei Anlageklassen hilft, diese Zyklen nicht nur zu überstehen, sondern sie bewusst zu navigieren – ohne Gewähr und ohne den Anspruch, die nächste Wendung zu kennen.

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