Core-Satellite: Idee und Umsetzung mit Augenmass
Anlagestrategien & Portfolio

Core-Satellite: Idee und Umsetzung mit Augenmass

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Die Core-Satellite-Strategie verbindet breiten Marktzugang mit fokussierten Satelliten. Wie Anleger:innen sie umsetzen, Kosten steuern und Risiken kalibrieren.

Die Core-Satellite-Strategie ist ein pragmatischer Bauplan für Portfolios: ein breit diversifizierter, kostengünstiger Kern trägt die Rendite, kleinere Satelliten setzen gezielte Akzente. Der Ansatz ist weder Mode noch Geheimtipp, sondern eine Organisationsform, die institutionelle Investoren seit Jahren nutzen. Für Privatanleger:innen in der Schweiz schafft sie Klarheit über Risikotreiber, Kosten und Disziplin – drei Faktoren, die den Anlageerfolg messbar prägen.

Was hinter der Idee steckt

Der Core bildet die Marktbasis. Typischerweise sind das global diversifizierte Aktien-ETFs nach Marktkapitalisierung sowie Anleihen-ETFs, bei Franken-Anleger:innen oft währungsgesichert. Ziel ist ein robustes Beta mit niedrigen Gesamtkosten. Studien von Vanguard zeigen, dass die strategische Vermögensallokation den Löwenanteil der Rendite- und Risikoerfahrung erklärt. Gleichzeitig dokumentieren SPIVA-Auswertungen von S&P Dow Jones Indices regelmässig, dass viele aktive Fonds nach Kosten über längere Horizonte hinter ihren Vergleichsindizes zurückbleiben. Das argumentiert für einen günstigen, breiten Core.

Die Satelliten sind die Stellschrauben. Sie reflektieren Überzeugungen, Informationsvorteile oder spezifische Ziele: Faktorprämien wie Value oder Quality mit akademischer Fundierung (Fama/French), thematische Exposures, Small Caps, nachhaltige Schwerpunkte oder selektive aktiven Manager. Der Punkt ist nicht, jeden Trend zu reiten, sondern bewusstes, messbares Risiko einzugehen. Satelliten sollen den Core ergänzen – nicht verdoppeln. Wer etwa einen globalen Aktien-ETF hält und zusätzlich einen US-Technologie-ETF kauft, erhöht womöglich die Konzentration, ohne echte Diversifikation zu gewinnen.

Gewichtung, Rebalancing und Tracking

In der Praxis liegt der Core häufig bei 70–90% des Portfolios, die Satelliten bei 10–30%. Diese Bandbreiten sind Orientierungen, keine Rezepte. Entscheidend ist, wie stark ein Satellit das Gesamtrisiko verschiebt. Volatilität und Korrelation sind dabei informativer als blosse Nominalgewichte. Driften Gewichte, bringt periodisches Rebalancing das Portfolio zurück in die Zielstruktur. Quartals- oder Halbjahresrhythmen sind üblich; kürzer erhöht Transaktionskosten, länger verwässert die Risikosteuerung. Bei ETFs zählen neben der TER die effektive Tracking-Differenz, die Liquidität (Geld/Brief-Spanne) und Replikationsmethode. Für Anleger:innen in CHF können währungsgesicherte Anleihen-Exposures die Portfoliovolatilität dämpfen; bei Aktien ist die Abwägung zwischen Kosten, Diversifikation und Währungsrisiko zentral.

Umsetzung in der Praxis

Der Aufbau beginnt mit der Definition des langfristigen Risikobudgets. Dieses leitet die Grösse des Cores ab. Ein globaler Aktien-ETF (z. B. auf MSCI ACWI IMI oder FTSE Global All Cap) kombiniert mit globalen Staats- und Firmenanleihen kann den Kern bilden. Die Wahl zwischen ausschüttenden und thesaurierenden Vehikeln, domizilierten UCITS-ETFs und allfälligen Währungsabsicherungen folgt persönlichen Präferenzen und Rahmenbedingungen. Morningstar weist im Active/Passive Barometer regelmässig nach, dass bei globalen Standardsegmenten passive Vehikel mit tiefen Kosten oft die solideste Basis liefern.

Satelliten sollten eine klar formulierte Rolle haben: Renditepotenzial, Diversifikation, Inflationsschutz oder Nachhaltigkeitsziel. Faktor-ETFs auf Value, Quality oder Low Volatility stützen sich auf breit dokumentierte Prämien, deren Persistenz jedoch Zyklen und Bewertungsphasen unterliegt. Die Literatur mahnt zur Vorsicht: Harvey u. a. warnten vor einem "Faktor-Zoo", in dem Ergebnisse ohne robuste Tests überinterpretiert werden. Themensatelliten (z. B. Energiewende, Halbleiter) bieten Fokus, bergen aber Klumpenrisiken und oft höhere Bewertungen. Alternative Anlagen erhöhen die Komplexität durch Illiquidität, Gebühren und Bewertungslags. Wer aktive Manager als Satellit wählt, prüft Prozess, Kosten, Kapazität und die Differenz zum Benchmark – die SPIVA Persistence Scorecards zeigen, wie selten Outperformance über längere Zeit anhält.

Technisch lohnt ein Blick auf Kosten und Handel: TERs von breiten Core-ETFs liegen oft im Bereich von 0,02–0,20% p. a., Faktoren und Themen eher höher. Hinzu kommen Spreads und allfällige Handelsgebühren. Bei kleineren Satelliten relativieren sich fixe Kosten schwerer; zu viele, zu kleine Bausteine erschweren Steuerung und Reporting. Eine einfache, wiederholbare Methodik schlägt Komplexität.

Kontrolle, Kosten und Governance

Das Rückgrat jeder Core-Satellite-Strategie ist Governance. Dazu gehören schriftlich festgehaltene Ziele, Bandbreiten und Rebalancing-Regeln. Ein Reporting, das Ex-ante-Risikoannahmen (Volatilität, Value-at-Risk, Drawdowns) mit Ex-post-Erfahrungen vergleicht, schafft Lernkurven. Transparenz verhindert, dass Satelliten unbemerkt den Core dominieren. Overlap-Analysen helfen, Doppelungen sichtbar zu machen – viele Technologie- oder ESG-ETFs halten identische Mega-Caps.

Kosten sind kein Detail, sondern Schicksal. Jede nicht zwingende Prozentdifferenz pro Jahr akkumuliert. Das ist banal, aber wirkungsvoll. Wer diszipliniert rebalanciert, Transaktionen bündelt und unnötige Produktwechsel vermeidet, reduziert Reibungsverluste. Performance-Jagd konterkariert den Ansatz. Studien von S&P Dow Jones und Morningstar belegen, dass vergangene Outperformance bei aktiven Managern häufig nicht persistent ist. Deshalb bleiben strukturierte Prozesse und realistische Erwartungswerte zentral.

Für Anleger:innen in der Schweiz zählt zudem die Einbettung in die eigene Finanzplanung: Liquiditätsreserven, Tragbarkeit von Drawdowns, Anlagehorizont und steuerliche Rahmenbedingungen beeinflussen die geeignete Ausgestaltung. Der hier skizzierte Ansatz ist eine allgemeine Beschreibung und keine konkrete Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Wer die Logik versteht und nüchtern umsetzt, bekommt jedoch ein Werkzeug, das Komplexität ordnet: Der Core liefert den Marktertrag, die Satelliten bringen gezielte Differenzierung – mit Augenmass statt Aktionismus.

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