Rebalancing: Prinzip, Timing und Kosten im Portfolio
Anlagestrategien & Portfolio

Rebalancing: Prinzip, Timing und Kosten im Portfolio

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Rebalancing hält die Ziel-Allokation im Lot und begrenzt Risikodrift. Was bedeutet es konkret, wie oft ist sinnvoll – und welche Kosten und Steuern spielen mit?

Wer langfristig investiert, entscheidet zuerst über die strategische Aufteilung zwischen Aktien, Obligationen und weiteren Bausteinen. Diese Asset Allocation steuert den grössten Teil des Risikos – und damit der Aus­gangs­lage für Renditen. Märkte bewegen sich jedoch asymmetrisch: Aktien können stark steigen oder fallen, Obligationen entwickeln sich anders. Ohne Eingriff driftet das Portfolio von den Zielquoten ab. Rebalancing bringt es zurück auf Kurs. Das ist weniger Spektakel als Hygiene: ein regelbasiertes Vorgehen, das Risiko kontrolliert und Disziplin erzwingt.

Was Rebalancing ist – und was es nicht ist

Rebalancing bedeutet, Übergewichtungen abzubauen und Untergewichtungen aufzustocken, um die ursprüngliche Ziel-Allokation zu halten oder in definierten Korridoren zu bleiben. Wer ein 60/40-Portfolio führt und nach einem Aktienhoch bei 70/30 landet, verkauft Aktien oder kauft Obligationen, bis die Bandbreite wieder passt. Umgekehrt wird nach schwachen Aktienjahren zugekauft. Dieses Vorgehen ist kein Markt-Timing. Es spekuliert nicht auf die nächste Bewegung, sondern stabilisiert das ausgewählte Risikoprofil. In Phasen starker Trends kann Rebalancing kurzfristig Rendite kosten, weil man Gewinner stutzt. Über Zyklen begrenzt es jedoch die Risikodrift und reduziert die Abhängigkeit vom Zufall des Einstiegszeitpunkts.

Institutionelle Multi-Asset-Fonds rebalancieren häufig automatisch. Privatanleger können das manuell, mit Regeln, oder über Mandate und digitale Tools abbilden. Entscheidend ist, dass die Methode klar definiert und verlässlich umgesetzt wird. Eine einmal formulierte, schriftlich festgehaltene Rebalancing-Policy verhindert, dass Emotionen in turbulenten Marktphasen das Steuer übernehmen.

Wie oft rebalancieren? Erkenntnisse aus Studien

In der Forschung herrscht bemerkenswerte Einigkeit über die Zielsetzung: Der Hauptnutzen von Rebalancing liegt in der Risiko­kontrolle, nicht in einer systematischen Renditesteigerung. Eine vielzitierte Analyse von Vanguard («Best practices for portfolio rebalancing», 2010, Updates 2015/2020) zeigt, dass kalenderbasiertes Rebalancing – etwa jährlich – und schwellenbasiertes Rebalancing ähnliche langfristige Renditen liefern, aber unterschiedliche Profile bei Volatilität und Transaktionsaufwand. Schwellenwerte, die Rebalancing erst auslösen, wenn die Abweichung signifikant ist, gelten als effizient. Häufig genannt wird die «5/25-Regel»: Man greift ein, wenn eine breite Anlageklasse um 5 Prozentpunkte oder um 25 % ihrer Zielquote abweicht, je nachdem, was grösser ist. Diese Heuristik ist im Privatanlegerumfeld verbreitet, weil sie einfach ist und unnötige Trades begrenzt.

Gobind Daryanani («Opportunistic Rebalancing», Financial Analysts Journal, 2008) kommt zu ähnlichen Schlüssen: Opportunistisches, schwellenbasiertes Rebalancing fängt Mittelwert-Tendenzen besser ein als strikt kalenderbasierte Ansätze und reduziert gleichzeitig die Handelsaktivität. AQR weist in neueren Beiträgen darauf hin, dass ein potenzieller «Rebalancing-Premium» klein und stark kontextabhängig ist; übersteigerte Erwartungen seien fehl am Platz. Der robuste Mehrwert liegt in der Konstanz des Risikos über die Zeit.

Und wie oft nun konkret? Die evidenzbasierte, nüchterne Antwort lautet: seltener als das Bauchgefühl vermuten lässt. Quartalsweises Rebalancing erhöht die Transaktionen deutlich, senkt aber das Risiko gegenüber jährlich nur marginal. Jährlich oder nach klaren Schwellen – je nach Marktumfeld und Bausteinen – liefert ein gutes Verhältnis zwischen Risikokontrolle und Aufwand. Wer mehrere Anlageklassen mit unterschiedlichen Volatilitäten mischt, profitiert von Toleranzbändern pro Baustein. Wichtig ist, Rebalancing nicht zu erzwingen, wenn die Abweichungen klein sind.

Praxis für Schweizer Anleger: Kosten, Steuern, Tools

Kosten sind der stille Gegner jeder noch so eleganten Regel. Courtagen, Bid-Ask-Spreads, Währungskonversionen und – je nach Broker – die eidgenössische Umsatzabgabe (Stempelabgabe) fallen ins Gewicht. Bei Transaktionen über einen Schweizer Effektenhändler beträgt sie in der Regel 0,15 % auf inländische und 0,30 % auf ausländische Wertpapiere, bezogen auf das Handelsvolumen. Häufiges Rebalancing kann diese Reibungskosten kumulieren. Auch Tracking-Differenzen bei ETFs und allfällige Fondsgebühren sind zu berücksichtigen. Wer Kosten senkt, erhöht den Nettoeffekt der gewählten Regel, ohne das Risiko unnötig aufzublähen.

Steuern beeinflussen die Nettoergebnisse zusätzlich. In der Schweiz sind private Kapitalgewinne in der Regel steuerfrei, solange man nicht als gewerbsmässiger Wertschriftenhändler gilt; Erträge wie Dividenden und Zinsen sind steuerbar. Rebalancing kann steuerliche Effekte auslösen, etwa durch realisierte Gewinne oder durch die Wahl ausschüttender oder thesaurierender Fonds. Die individuelle Situation variiert. Eine unabhängige Abklärung kann sinnvoll sein; dieser Artikel ersetzt keine Steuer- oder Rechtsberatung.

In der Umsetzung helfen pragmatische Kniffe. Anstatt aktiv zu verkaufen, lassen sich Abweichungen oft durch neue Einzahlungen oder Dividenden-Reinvestition korrigieren. So sinkt die Handelsaktivität. In Vorsorgelösungen wie Säule-3a-Fonds oder Freizügigkeitsdepots rebalancieren die Anbieter meist automatisch innerhalb des Produktmandats; die Kostenstruktur ist dort transparent im Factsheet ausgewiesen. Wer selbst steuert, nutzt fixe Rebalancing-Termine – etwa jährlich – und kombiniert diese mit Schwellenwerten: Rebalancing findet nur statt, wenn die Abweichung spürbar ist. Diese «Terminkontrolle mit Toleranzband» minimiert den Aufwand, hält aber das Risiko verlässlich in Schach.

Die Quintessenz bleibt schlicht: Rebalancing ist ein Handwerk, nicht eine Wette. Es schützt die gewählte Risikostruktur vor schleichender Erosion. Studien legen nahe, dass seltene, schwellenbasierte Eingriffe einen guten Kompromiss liefern. Welche Bandbreiten und Intervalle passen, hängt von Zielen, Liquidität, Steuersituation und Kosten ab. Entscheidend ist, die Regel nüchtern festzuhalten – und sie dann unbeirrt umzusetzen.

Quellen: Vanguard, «Best practices for portfolio rebalancing» (2010/2015/2020); G. Daryanani, «Opportunistic Rebalancing», Financial Analysts Journal (2008); AQR Research Notes zu Rebalancing; Morningstar, «A Guide to Portfolio Rebalancing» (2023).

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