Equal-Weight vs. Marktkapitalisierung: welcher Index passt?
Indexieren ist nicht gleich Indexieren. Hinter dem vermeintlich simplen «Markt abbilden» stehen unterschiedliche Konstruktionsprinzipien, die das Rendite-Risiko-Profil spürbar prägen. Die beiden prominentesten Varianten sind Marktkapitalisierungs-Gewichtung und Equal-Weight. Erstere spiegelt die relative Grösse von Unternehmen wider. Letztere verteilt das Gewicht aller Titel gleich – unabhängig von ihrer Börsenkapitalisierung. Was bedeutet das für Performance, Volatilität, Kosten und Umsetzbarkeit, insbesondere aus Sicht von Anleger:innen in der Schweiz?
Was Equal-Weight wirklich abbildet
Equal-Weight ist mehr als «gleichmässig». Methodisch zwingt das viertel- oder halbjährliche Rebalancing dazu, Gewinner teilweise zu verkaufen und Nachzügler aufzustocken. Dadurch entsteht implizit eine Neigung zu Value- und Size-Prämien: kleinere und günstiger bewertete Titel erhalten mehr Gewicht als im Marktkapitalisierungs-Index. Studien von S&P Dow Jones Indices zeigen, dass der S&P 500 Equal Weight Index historisch eine ausgeprägte Size- und Value-Exposition aufweist und Momentum eher untergewichtet ist (S&P DJI, Methodology und Research, 2023/24). Auch die akademische Literatur rund um Fama/French ordnet diese Neigungen als systematische Faktoren ein.
Diese Struktur hat Konsequenzen. Equal-Weight kann in Phasen breiter Marktteilnahme und bei Value-/Small-Cap-Rückenwind Mehrerträge liefern. In engen Märkten mit dominierenden Mega-Caps neigt das Konzept zur Unterperformance, weil die grössten Treiber im Index drastisch untergewichtet sind. Volatilität und zwischenzeitliche Rückschläge fallen tendenziell höher aus, nicht zuletzt wegen der grösseren Exponierung gegenüber kleineren Titeln und der antizyklischen Rebalancings. S&P zeigt in Langzeitvergleichen, dass Equal-Weight teils höhere Maximalrückgänge als die kapitalgewichteten Pendants erlebte, allerdings mit Perioden deutlicher Outperformance, wenn Marktbreite zurückkehrt.
Der behauptete «Rebalancing-Bonus» ist real, aber nicht gratis. Er entsteht, wenn Kursausschläge mean-revertieren und die disziplinierte Umgewichtung konsequent eingefangen wird. In trendstarken Aufwärtsphasen dagegen wirkt die Regel kontraproduktiv, weil steigende Gewinner laufend gekappt werden. Research Affiliates und AQR haben in verschiedenen Arbeiten die Bedingungen für einen Rebalancing-Mehrwert beschrieben: ausreichend Dispersion, ausreichend Turnover und niedrige Reibungskosten. Fehlt eines davon, verpufft der Effekt.
Zyklen und das Mega-Cap-Phänomen
Der vergangene Zyklus illustriert die Mechanik. In den 2010er-Jahren und erneut 2023/24 trugen wenige überproportional grosse US-Technologiewerte den Index. Ein kapitalgewichteter S&P 500 profitierte unmittelbar vom Aufstieg der Mega-Caps. Equal-Weight blieb zurück, weil die «Magnificent Seven» dort nur einstellige Prozentanteile ausmachen. In Phasen wie 2003–2006, 2016–2017 oder 2022, als Energie, Industriewerte und günstig bewertete Titel besser liefen und die Marktbreite zunahm, drehte sich das Bild. Welches Konzept führt, ist somit keine Glaubensfrage, sondern eine Frage des Marktregimes. S&P DJI, SPIVA und Invesco-Indexkommentare dokumentieren diese Führungswechsel konsistent: Equal-Weight glänzt, wenn die Marktbreite zunimmt; Marktkapitalisierung dominiert bei enger Leadership.
Konzentrationsrisiko, Kosten und Schweizer Perspektive
Ein oft genanntes Argument für kapitalgewichtete Indizes ist ihre tiefe implizite Umschlagshäufigkeit. Unternehmen «rebalancieren» sich automatisch über Kursbewegungen. Das senkt Transaktionskosten und Steuerreibung, reduziert Tracking-Differenzen und erleichtert Derivate- und Futures-Nutzung. Zudem sind die Kosten führender ETFs auf kapitalgewichtete Benchmarks extrem tief. Equal-Weight verlangt regelmässiges Rebalancing. Das erhöht Turnover, verlangt Liquidität auch bei kleineren Titeln und kann die Total Cost of Ownership steigern. In der Praxis zeigen UCITS-ETFs auf Equal-Weight-Benchmarks höhere TERs und teils grössere Abweichungen zur Indexrendite als ihre kapitalgewichteten Pendants. Die Differenz variiert je nach Marktsegment, Rebalancing-Frequenz und Fondsgrösse.
Gleichzeitig reduziert Equal-Weight die Konzentration auf wenige Schwergewichte. Das ist aus Portfoliosicht ein handfestes Risikomanagement-Argument. 2023 lag der Anteil der sieben grössten US-Titel im S&P 500 zeitweise bei deutlich über 25%. Eine Gleichgewichtung senkt dieses Klumpenrisiko und verteilt das Ergebnis stärker auf die Breite. Der Preis dafür ist der Verzicht auf den vollen Hebel eines anhaltenden Mega-Cap-Trends. Für Investor:innen stellt sich daher weniger die Frage «welcher Index ist besser», sondern «welchen Konzentrationsgrad und welche Faktor-Exponierung will ich bewusst tragen».
Für die Schweiz ist die Umsetzung praktikabel. An der SIX und über europäische Plattformen sind UCITS-ETFs auf Equal-Weight-Varianten grosser Indizes verfügbar, etwa auf den S&P 500 Equal Weight oder den Stoxx Europe 600 Equal Weight. Auf Schweizer Benchmarks existieren teils gleichgewichtete Ableger ausgewählter Unterindizes. Bei der Auswahl zählen neben der Methodik die Fondskosten, die Liquidität im Sekundärmarkt, Spreads, Replikationsart und die erwartbare Tracking-Differenz. Institutionelle Aspekte wie Rebalancing-Termine und die Kapazität des Produkts spielen ebenso eine Rolle, gerade wenn viel Volumen bewegt wird.
Makroeinordnung hilft: Equal-Weight korreliert enger mit Faktoren wie Value, Size und teils Quality. Kapitalgewichtete Indizes tragen mehr Momentum und sind empfindlicher gegenüber Gewinnrevisionen der grössten Titel. In einem Umfeld sinkender Zinsen und technologischer Produktivitätswellen profitierten bislang die Schwergewichte. Sollte die Marktbreite durch Reindustrialisierung, Energieinvestitionen oder stärkere Binnenkonjunktur zulegen, könnte Equal-Weight aufholen. Diese Szenarien sind kein Timing-Aufruf, sondern ein Raster, um Erwartungswerte zu kalibrieren.
Wer Diversifikation operationalisieren will, kombiniert Ansätze oder definiert klare Rollen: Kapitalgewichtung als kosteneffizienter Kern, Equal-Weight als Satellit, der Konzentrationsspitzen dämpft. Alternativ bieten multifaktorielle Indizes eine explizite Faktorsteuerung statt impliziter Equal-Weight-Neigungen. Welche Lösung passt, hängt von Zielen, Kostenrahmen, Risikotoleranz, Zeithorizont und der Fähigkeit ab, Zyklen emotional auszuhalten. Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Quellenhinweise: S&P Dow Jones Indices (Equal Weight Indices Methodology; The Case for Equal Weighting; SPIVA Europe/US, 2024), Invesco Index Insights, Research Affiliates und akademische Literatur zu Fama/French-Faktoren.
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