Diversifikation: Risiko streuen statt Rendite verwässern
Anlagestrategien & Portfolio

Diversifikation: Risiko streuen statt Rendite verwässern

4 Min. Lesezeit
Diversifikation senkt Klumpenrisiken, ohne Rendite zwingend zu opfern. Warum Streuung über Anlageklassen, Währungen und Regionen heute entscheidend bleibt.

Das Prinzip ist simpel, die Umsetzung anspruchsvoll: Diversifikation reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Risiken, ohne die langfristige Rendite zwangsläufig zu schmälern. Seit Harry Markowitz die moderne Portfoliotheorie begründet hat (Journal of Finance, 1952), ist gut belegt, dass breit gestreute Portfolios bei gleichem Ertrag weniger schwanken als konzentrierte Wetten. Der Kern bleibt aktuell – auch nach einem Jahrzehnt, in dem Technologiewerte und US-Aktien dominierten und den Eindruck nährten, Streuung sei Renditeverzicht. Die Daten sprechen dagegen.

Warum Streuung mehr ist als ein Bauchgefühl

Diversifikation funktioniert, weil die Treiber von Renditen heterogen sind: Gewinnentwicklung, Zinsen, Inflation, Kreditqualität, Liquidität und Währungen. Diese Faktoren bewegen sich nicht im Gleichschritt. Wer verschiedene Anlageklassen kombiniert – Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe oder Gold – senkt die Ausschläge, weil Verluste in einem Baustein oft durch Stabilität oder Gewinne in einem anderen abgefedert werden. Studien von Vanguard und MSCI zeigen über mehrere Dekaden, dass global gestreute Aktienportfolios im Vergleich zu heimlastigen Allokationen ähnliche Erträge mit geringerer Volatilität erzielten. Für die Schweiz ist der Effekt besonders ausgeprägt: Der SMI ist stark konzentriert; die drei Schwergewichte machen über 50% der Marktkapitalisierung aus. Ein Portfolio, das zusätzlich auf Auslandsmärkte und Mid/Small Caps setzt, reduziert dieses Klumpenrisiko deutlich.

Auch auf der Rentenseite lohnt Differenzierung. Staatsanleihen guter Bonität reagieren primär auf Zins- und Inflationsüberraschungen, Unternehmensanleihen hingegen auf Konjunktur- und Kreditausfälle. Wer nur auf Kreditrisiko setzt, trägt bei Rezessionen doppeltes Aktien-ähnliches Risiko. Ein ausgewogener Mix aus sicheren Laufzeiten und selektivem Kreditrisiko glättet den Verlauf. Nach dem Zinsregimewechsel 2022 sind Renditeniveaus wieder attraktiv genug, dass Anleihen wieder eine Pufferfunktion erfüllen können – nicht in jeder Woche, aber über Zyklen betrachtet. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) dokumentiert, dass die Korrelation zwischen Aktien und Staatsanleihen regimeabhängig ist: Bei inflationären Schocks steigt sie, bei Wachstumsschocks fällt sie oft.

Währungen sind ein weiterer, oft unterschätzter Diversifikator. Der CHF gilt als sicherer Hafen; in Stressphasen wertet er tendenziell auf. Das dämpft Verluste aus Fremdwährungsaktien, kann aber Erträge in ruhigen Phasen schmälern. Absicherung ist kein Gratislunch: Die Kosten hängen am Zinsunterschied. Wenn Auslandszinsen deutlich über den CHF-Sätzen liegen, verteuert sich die Absicherung; wenn sie darunter liegen, wird sie günstiger. Die Schweizerische Nationalbank und Marktstudien zeigen, dass eine zumindest teilweise Absicherung globaler Anleihen die Volatilität für CHF-Anlegerinnen und Anleger oft reduziert, während bei Aktien der Nutzen von Fall zu Fall variiert.

Korrelationen sind bewegliche Zielscheiben

Diversifikation ist kein statischer Zustand. Korrelationen verändern sich – manchmal abrupt. In der Phase 2022, geprägt von Inflationsschocks, fielen Aktien und Anleihen gleichzeitig. Gleichwohl bleibt Streuung die robustere Antwort als Markt-Timing. Langfristige Datensätze von AQR, MSCI und akademischen Quellen zeigen, dass die durchschnittliche Korrelation zwischen globalen Aktien und hochwertigen Staatsanleihen über Zyklen niedrig bis moderat ist, auch wenn es Episoden positiver Gleichläufe gibt. Entscheidend ist, Diversifikationsquellen zu kombinieren, die von verschiedenen Risikoprämien getragen werden: Aktienrisiko, Laufzeitenprämie, Kreditprämie, Liquiditäts- und Inflationsschutz. Gold etwa korreliert über lange Zeiträume nur schwach mit Aktien und kann in Stressphasen helfen, hat aber keine Cashflows und ist volatil. Immobilien und private Märkte bieten Diversifikation über andere Cashflow-Profile, doch die glatteren Zeitreihen spiegeln oft Illiquidität und Bewertungsfriktionen wider; das reale Risiko verschwindet nicht, es wird zeitlich verschoben.

Die Praxis für Schweizer Anlegerinnen und Anleger

Wer Streuung ernst nimmt, denkt in Risikobeiträgen statt Nominalgewichten. Ein Portfolio mag zu 60% aus Aktien bestehen, liefert aber leicht 85% des Gesamtrisikos. Ein Rebalancing-Regime, das Ausreisser begrenzt und Gewinner nicht unendlich laufen lässt, hält das Risikoprofil näher am Zielkorridor. Das ist kein Timing, sondern Disziplin. Kosten spielen dabei eine zentrale Rolle: Breite Indexfonds und ETFs erlauben den Zugang zu globalen Aktien- und Anleihemärkten oft zu wenigen Basispunkten. Tiefe Gebühren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Bruttotheorie der Diversifikation auch netto ankommt. Transparenz über Währungs- und Quellensteuereffekte, Replikationsmethoden und Liquidität schützt vor Überraschungen.

Für die Schweiz stellt sich zusätzlich die Home-Bias-Frage. Der CHF-Schutzschirm ist wertvoll, doch zu viel Heimatliebe kann Renditequellen beschneiden und das idiosynkratische Risiko einzelner Schweizer Sektoren überbetonen. Eine breite globale Aktienbasis – entwickelten Märkten plus ausgewählten Schwellenländern – reduziert die Abhängigkeit von wenigen Titeln und politischen Regimen. Auf der Anleiheseite erweitert ein globales, in CHF abgesichertes Universum die Auswahl an Laufzeiten und Emittenten. Wer alternative Bausteine nutzt, sollte deren Rolle klar definieren: Inflationsschutz, Krisenpuffer oder illiquiditätsbedingte Prämien. Die Messlatte für jeden Baustein ist sein Beitrag zum Gesamtportfolio in Szenarien, nicht sein Marketingversprechen.

Die Quintessenz ist nüchtern: Diversifikation verhindert nicht jede Verlustphase und sie garantiert keine Überrendite. Sie verbessert jedoch die Fehlertoleranz des Portfolios und erlaubt, an den Märkten investiert zu bleiben, wenn es unangenehm wird. Das ist oft der entscheidende Unterschied zwischen Plan und Verhalten. Reife Diversifikation akzeptiert, dass sich die Welt ändert, und passt sich mit System an – datenbasiert, kostenbewusst und ohne Wetten auf das nächste grosse Narrativ. Diese Einschätzungen sind allgemeiner Natur und stellen keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar.

Weitere Artikel zu Anlagestrategien & Portfolio