Die All-in-Fee im Private Banking richtig lesen
Die All-in-Fee verspricht Einfachheit: eine einzige Pauschale auf dem verwalteten Vermögen, und die Kostenfrage scheint erledigt. Gerade im Private Banking ist diese Vereinfachung verführerisch. Doch hinter der glatten Oberfläche liegt ein Gebührenteppich mit Nähten. Wer versteht, was die Pauschale wirklich abdeckt und wo sie Lücken hat, beurteilt Performance belastbarer – und vermeidet böse Überraschungen.
Was die All-in-Fee umfasst – und was nicht
Im Kern bündelt die All-in-Fee die Vermögensverwaltungs- oder Beratungsleistung sowie Depotführung und Standard-Transaktionen. Rebalancing, die Verwahrung börsenkotierter Titel und ein übliches Mass an Handel sind typischerweise eingeschlossen. Nicht einbezogen sind oft produktbezogene Kosten wie die Total Expense Ratio (TER) von Fonds und ETFs, Emittentenmargen bei strukturierten Produkten, Ausgabe- und Rücknahmespesen nichtkotierter Vehikel sowie Performance Fees externer Manager. Ebenfalls ausserhalb der Pauschale liegen Steuern und Abgaben wie die eidgenössische Stempelabgabe, Börsengebühren, behördliche Abgaben und Quellensteuern. Häufig separat bepreist werden Währungsumrechnungen, insbesondere bei grossen Konversionen oder illiquiden Devisenpaaren, sowie Sonderdienstleistungen wie die Abwicklung von Private-Equity-Capital-Calls, die Verwahrung physischer Edelmetalle oder die Administration nichtbankfähiger Vermögenswerte.
Versteckte Kostentreiber ausserhalb der Pauschale
Drei Posten stechen regelmässig hervor. Erstens Produktkosten: Fonds-TERs und Ongoing Charges fliessen nicht in die All-in-Fee ein, belasten aber die Nettorendite unmittelbar. Studien wie die jährlichen Kostenanalysen von Morningstar zeigen, dass Gebühren einer der verlässlichsten Prädiktoren für künftige Outperformance sind – je niedriger, desto besser für Anlegerinnen und Anleger. Zweitens Spreads: Bei Devisen sind 10–30 Basispunkte pro Seite keine Seltenheit, bei strukturierten Produkten liegen Emittentenmargen in der Regel deutlich höher und sind im Preis versteckt. Drittens Steuern: Die Schweizer Stempelabgabe von 0,15% auf inländischen und 0,30% auf ausländischen Titeln trifft Transaktionen ausserhalb der Pauschale.
Rechnen mit Netto: ein Praxis-Check
Ein Gedankenexperiment schärft den Blick. Angenommen, ein Mandat über CHF 5'000'000 wird mit einer All-in-Fee von 1,0% p.a. geführt. Die Pauschale beträgt CHF 50'000. Das Portfolio investiert zu 60% in Fonds mit einer durchschnittlichen TER von 0,60%. Auf CHF 3'000'000 fallen damit zusätzliche Produktkosten von CHF 18'000 an, die nicht in der All-in-Fee enthalten sind und direkt die Fondswerte schmälern. Werden im Jahr die Hälfte der Anleihen von USD in CHF rotiert und dafür CHF 1'000'000 gewechselt, kosten 0,20% FX-Spread pro Seite rund CHF 4'000 für den Roundtrip. Kommen noch Transaktionen in ausländischen Aktien von CHF 2'000'000 hinzu, entstehen Stempelabgaben von CHF 6'000. Ohne exotische Sonderfälle liegt die effektive jährliche Kostenlast damit bereits bei rund CHF 78'000, bevor mögliche Emittentenmargen, Performance Fees oder zusätzliche Währungskonversionen berücksichtigt sind. In Prozenten ausgedrückt erhöht sich die scheinbar klare 1,0%-Gebühr schnell auf 1,5% oder mehr, je nach Strategie, Produktmix und Aktivitätsgrad.
Produktkosten, Spreads und Steuern im Zusammenspiel
Die entscheidende Grösse ist die Nettorendite nach allen Gebühren, Spreads und Steuern. Ein defensives Mandat mit tiefer Umschlagshäufigkeit, hohem Anteil an kostengünstigen Indexfonds und wenigen Währungstransaktionen kann mit derselben All-in-Fee deutlich günstiger fahren als eine taktisch aktive, strukturierte-Produkt-lastige Allokation. MiFID-II-Regeln in der EU verlangen eine ex-ante und ex-post Ausweisung aller Kosten und Gebühren. In der Schweiz verpflichtet das Finanzdienstleistungsgesetz (FIDLEG) ebenfalls zu transparenter Information; viele Institute orientieren sich zudem an europäischen Best Practices. Die FINMA betont in ihren Aufsichtsmitteilungen, dass die Gesamtkostenbelastung klar und verständlich darzustellen ist. In der Praxis lohnt sich deshalb die Einforderung einer vollständigen Kostenübersicht inklusive externer Produktkosten, Spreads, Emittentenmargen und Steuern – idealerweise mit rückwirkendem Ex-post-Report über die letzten 12 Monate.
Regulierung, Retros und Verhandlungsspielraum
Ein Schweizer Spezifikum sind Retrozessionen und andere Vertriebsentschädigungen. Das Bundesgericht hat klargestellt, dass solche Zuwendungen grundsätzlich den Kundinnen und Kunden zustehen, sofern sie nicht nach informierter Offenlegung wirksam darauf verzichten. In All-in-Modellen ist oft vorgesehen, dass allfällige Retros ganz oder teilweise zugunsten der Kundschaft angerechnet werden. Es lohnt sich, die Mechanik zu verstehen: Werden Retros voll gutgeschrieben, senkt das die effektiven Produktkosten; werden sie vom Institut einbehalten, erhöht sich die Nettokostenquote. Rechtlich massgeblich sind die Offenlegung und eine eindeutige Vereinbarung, wobei dieser Beitrag keine Rechtsberatung ersetzt.
Preislich bleibt Spielraum. All-in-Fee-Strukturen sind meist stufenbasiert und vom Volumen abhängig. Bestandteile lassen sich trennen: Wer Execution-Only wählt, bezahlt in der Regel weniger als für eine diskretionäre Vermögensverwaltung mit Research. Forschungen der britischen FCA und internationale Branchenanalysen zeigen zudem, dass Wettbewerb und Standardisierung die Gebühren über die Zeit drücken. In der Schweiz hat der Druck kostengünstiger Indexprodukte die durchschnittlichen Portfoliokosten gesenkt, allerdings sind in Private-Banking-Mandaten Mischportfolios mit aktiven Bausteinen weiterhin verbreitet.
Am Ende zählt die Konsistenz zwischen Strategie, Kosten und erwarteter Wertschöpfung. Eine sauber definierte Anlagestrategie, transparente Kostenberichte nach FIDLEG-Standards und ein realistischer Blick auf Spreads, Steuern und Produktmargen schaffen die Grundlage, um die All-in-Fee zu dem zu machen, was sie sein soll: ein klares, planbares Preisschild. Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.
Weitere Artikel zu Gebühren & Transparenz
Gebühren & Transparenz
Vermögensverwaltung: Welche Gebühren wirklich anfallen
Vermögensverwaltung kostet mehr als eine Management Fee. Welche Gebühren fallen an – von Depot und Transaktionen bis TER, Performance Fee, Währung.
Gebühren & Transparenz
Steuern und Stempelabgaben auf Wertschriften in der Schweiz
Steuern und Stempelabgaben prägen die Nettorendite von Wertschriften in der Schweiz. Ein nüchterner Überblick über Verrechnungssteuer, Einkommen, Vermögen und Stempel.
Gebühren & Transparenz
Währungswechsel-Kosten: so reduzieren Anleger sie wirklich
Schweizer Anleger zahlen oft zu viel für Währungswechsel-Kosten. Der Artikel zeigt, wo Spreads und Gebühren lauern – und wie sich die Ausgaben senken lassen.