Alle Kosten bei Fonds & ETFs: was wirklich zählt
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Alle Kosten bei Fonds & ETFs: was wirklich zählt

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Fonds und ETFs kosten mehr als die TER vermuten lässt: Spreads, Tracking-Differenz, Steuern, Domizil und Depotgebühren prägen die Nettorendite – und sollten mitgedacht werden.

Die Total Expense Ratio ist das Preisschild, nicht die Schlussrechnung. Wer Fonds und ETFs vergleicht, schaut oft zuerst auf die TER. Zu Recht – sie ist transparent und gut vergleichbar. Doch die Nettorendite wird von einer ganzen Kette an Kosten geprägt: von der Abbildung des Index über den Handel bis zu Steuern, Währungen und Depotgebühren. Wer das Gesamtbild – die Total Cost of Ownership – im Blick behält, trifft robustere Entscheidungen.

Preisschild vs. Realität: TER, OCF und Tracking-Differenz

Die TER oder Ongoing Charges Figure umfasst die laufenden Produktkosten: Management, Administration, Verwahrung, teilweise auch die Revisionskosten. Nicht enthalten sind Transaktionskosten im Fonds (etwa bei Rebalancing), Steuern auf Fondsebene oder Handelskosten der Anlegerin bzw. des Anlegers. Deshalb ist die Tracking-Differenz die praxisnähere Messgrösse. Sie zeigt, wie stark ein ETF über ein Jahr gegenüber seinem Referenzindex zurückliegt – oder ihn übertrifft, etwa wenn Wertpapierleiheerträge und optimiertes Quellensteuermanagement die laufenden Kosten überkompensieren.

Aktive Fonds sind hier im Nachteil: Sie müssen nicht nur ihre Kosten verdienen, sondern auch die Benchmark schlagen. Studien von ESMA und Morningstar zeigen seit Jahren, dass tiefere Gebühren statistisch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Fonds im jeweiligen Segment überdurchschnittlich abschneidet. Kosten sind kein Garant, aber ein robuster Prädiktor für relative Ergebnisse. Wer vergleicht, sollte daher die Tracking-Differenz (bei ETFs) und die laufenden Kosten im Kontext der gewählten Anlageklasse und Replikationsmethode lesen.

Swap-ETFs und Wertpapierleihe: Details mit Wirkung

Synthetisch replizierende ETFs bezahlen Swap-Gebühren, können dafür aber Quellensteuer-Effizienzen heben oder schwer handelbare Indizes kostengünstig abbilden. Physische ETFs verleihen oft Wertpapiere und teilen die Erträge mit Anlegerinnen und Anlegern. Entscheidend sind Transparenz, Sicherheitenqualität und die Nettoerträge nach Gebühren. Seriöse Anbieter veröffentlichen dazu detaillierte Berichte; die Nettoeffekte zeigen sich letztlich in der Tracking-Differenz.

Handelskosten und Liquidität: die unsichtbare Maut

Beim Kauf und Verkauf entstehen Kosten, die in keiner TER stehen. Der Bid-Ask-Spread ist die erste Grösse: Je liquider der ETF und je länger die Handelszeiten mit offenem Underlying-Markt, desto enger ist er in der Regel. Grosse, breit diversifizierte ETFs auf liquide Indizes handeln oft mit sehr engen Spreads, Nischen-ETFs und Small-Cap-Strategien weniger. Neben dem Spread zählt der Market Impact: Grosse Orders bewegen den Preis, insbesondere ausserhalb der Kernhandelszeiten oder in volatilen Phasen. Clevere Ausführung – etwa über Limit-Orders und zeitlich gestaffelte Trades – reduziert diese impliziten Kosten.

Währungswechsel verursachen weitere Reibung. Wer in der Schweiz CHF in USD oder EUR tauscht, zahlt je nach Bank oder Broker eine Marge; dazu können interne FX-Kosten im ETF kommen, wenn das Fondsvehikel Dividenden oder Transaktionen in Fremdwährung abwickelt. Nicht zu unterschätzen sind regulatorische Abgaben: In der Schweiz fällt bei Transaktionen über inländische Effektenhändler die Stempelabgabe (Umsatzabgabe) an, typischerweise 0,15% auf inländische und 0,30% auf ausländische Titel. Bei häufigem Rebalancing können diese Kosten den Vorteil tiefer TERs rasch relativieren.

Domizil und Steuern: kleine Differenzen, grosse Wirkung

Das Fondsdomizil beeinflusst die Quellensteuer-Effizienz. Viele in Europa populäre ETFs sind in Irland oder Luxemburg domiziliert, was für Schweizer Anlegerinnen und Anleger bei US-Dividenden oft vorteilhaft ist: Irische Vehikel profitieren in der Regel von reduziertem US-Quellensteuerabzug, was die Tracking-Differenz verbessert. Schweizer Fonds unterliegen bei Ausschüttungen der Verrechnungssteuer von 35%, die im Regelfall via Steuererklärung zurückgefordert werden kann. Diese Mechanik tangiert den Cashflow und damit die Wiederanlage. Massgeblich sind zudem die schweizerischen Steuerregeln zur Unterscheidung von Einkommen und steuerfreien Kapitalgewinnen auf Fondsebene – die Eidgenössische Steuerverwaltung publiziert jährlich die steuerlichen Faktoren. Die Details sind komplex; entscheidend ist, dass steuerliche Effekte im Effekt in der Tracking-Differenz bzw. Nettorendite ankommen, aber zwischen Produkten stark variieren können.

Bank- und Produktkosten im Alltag: was oft vergessen geht

Neben Produkt- und Handelskosten fallen Bankgebühren an: Depot- und Safekeeping-Gebühren, Pauschalen für Börsentransaktionen, allfällige Plattform- oder All-in-Gebühren bei Vermögensverwaltungen und Robo-Angeboten. Sie sind selten spektakulär, doch über Jahre kumulativ erheblich. Wer mehrere Depots führt, sollte die Gesamtkosten konsolidiert betrachten – inklusive Fremdwährungskonten, auf denen Negativzinsen zwar passé sind, aber Wechselspesen und Kontoführungsgebühren verbleiben können.

Ein Schweizer Spezifikum sind Retrozessionen. Der Bundesgerichtsentscheid (BGE 138 III 755 u.a.) hält fest, dass Zuwendungen Dritter grundsätzlich den Kundinnen und Kunden zustehen, sofern sie nicht wirksam darauf verzichtet haben. FINMA und Gerichte verlangen Transparenz. In der Praxis bedeutet das: Entweder sind Vertriebsentschädigungen in einer expliziten Pauschale abgegolten, oder sie werden offengelegt und – je nach Vertrag – weitergereicht. Für die effektive Kostenbelastung macht das einen Unterschied, der in der Offerte klar beziffert sein sollte.

Wer Fonds und ETFs neutral beurteilen will, führt alle Bausteine zusammen: laufende Kosten gemäss TER/OCF, die realisierte Tracking-Differenz, Handels- und FX-Kosten, Steuern und Domizil-Effekte sowie bankseitige Gebühren. Relevante Quellen sind die KID/KIID bzw. PRIIPs-KIDs, die Factsheets und Jahresberichte der Anbieter, Ausführungsberichte der Bank sowie unabhängige Analysen. Die ESMA-Reports zur «Performance and costs of EU retail investment products» und Morningstar-Studien zu Gebühren und Fondsresultaten liefern robuste Benchmarks, während SPIVA-Reports die Wirkung von Kosten auf aktive Manager in verschiedenen Märkten dokumentieren.

Dieser Beitrag ist eine allgemeine Einordnung und ersetzt weder Anlage-, Steuer- noch Rechtsberatung. Für individuelle Entscheidungen sind persönliche Ziele, Steuerstatus und Kostenstruktur massgeblich.

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