Anlagestrategie wählen: Schritt für Schritt
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Anlagestrategie wählen: Schritt für Schritt

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Eine Anlagestrategie Schritt für Schritt entwickeln: ein nüchterner Leitfaden für Schweizer Anleger:innen – mit Fokus auf Ziele, Risiko, Kosten und Disziplin.

Wer seine Geldanlage dem Zufall überlässt, bezahlt meist mit Nerven und Rendite. Eine tragfähige Anlagestrategie entsteht nicht im Bauch, sondern aus sauberen Prämissen und konsequenter Umsetzung. Die Zinswende, robuste Inflation und wechselhafte Märkte verlangen heute mehr denn je nach einem klaren Rahmen. Der folgende Leitfaden führt Schritt für Schritt durch die zentralen Entscheidungen – faktenbasiert, ohne Rezeptcharakter und ohne individuelle Beratung zu ersetzen.

Ziele und Zeitachse präzisieren

Am Anfang steht die Übersetzung von Lebenszielen in Anlageziele. Geht es um Vermögensaufbau, Kapitalerhalt oder regelmässige Entnahmen? Der Zeithorizont bestimmt die Risikofähigkeit: Wer Kapital über Jahrzehnte nicht anrühren muss, kann kurzfristige Schwankungen eher tragen als jemand, der in wenigen Jahren Eigenkapital für eine Liegenschaft benötigt. Ebenso wichtig sind Zwänge und Randbedingungen, etwa geplante Ausgaben, berufliche Unsicherheit oder regulatorische Vorgaben für Unternehmer:innen.

Liquiditätsbedarf und Puffer

Bevor Kapital in risikobehaftete Anlageklassen fliesst, gehört ein Liquiditätspuffer auf die Seite. Er deckt unerwartete Ausgaben und verhindert, dass in ungünstigen Marktphasen Positionen erzwungen verkauft werden. Die angemessene Höhe hängt von Einkommen, Branche und Fixkosten ab. In der Praxis hat sich ein Puffer von mehreren Monatsausgaben bewährt; er ist keine Renditequelle, sondern Versicherung.

Risikoprofil sauber herleiten

Risikofähigkeit ist objektiv, Risikotoleranz subjektiv. Ersteres misst, wie viel Verlust das finanzielle Gefüge verkraftet, ohne Lebensziele zu gefährden. Zweiteres beschreibt, welche Schwankungen man schlaflos machen. Beide Dimensionen müssen übereinandergelegt werden. Ein klassischer Fehler besteht darin, die jüngste Marktlage zu extrapolieren: Nach Haussephasen steigt oft die Risikoneigung, nach Baissephasen sinkt sie – genau gegen die Logik des günstigen Kaufens.

Historische Evidenz hilft beim Erwartungsmanagement. Über sehr lange Zeiträume lieferten globale Aktien einen deutlichen Mehrertrag gegenüber Bargeld und Staatsanleihen, allerdings mit teils tiefen, schmerzhaften Einbrüchen. Das UBS Global Investment Returns Yearbook zeigt, wie breit die Bandbreite realisierter Renditen sein kann. 2022 erinnerte zudem daran, dass Aktien und Anleihen gleichzeitig fallen können, wenn Inflation und Zinsen steigen. Duration ist kein abstrakter Begriff, sondern das Mass dafür, wie empfindlich Anleihen auf Zinsbewegungen reagieren.

Stresstest und Erwartungen

Ein nüchterner Stresstest schärft den Blick: Wie fühlt sich ein temporärer Rückgang von 30% im Aktienanteil an? Was passiert, wenn Obligationen bei einem Zinsanstieg im mittleren einstelligen Prozentbereich nachgeben? Hält die Strategie dem Druck stand, ohne dass in der Krise die Nerven versagen? Wer diese Fragen vorab beantwortet, senkt die Wahrscheinlichkeit, im falschen Moment zu verkaufen.

Auch die Wahl zwischen aktiven und passiven Instrumenten ist Teil des Risikoprofils. Laut wiederkehrenden SPIVA-Auswertungen von S&P Dow Jones Indices fällt es aktiven Fonds über längere Horizonte schwer, nach Kosten ihre Benchmarks zu schlagen. Das heisst nicht, dass aktive Ansätze per se scheitern – aber die Hürden sind hoch, die Selektion anspruchsvoll, und die Gebühren wirken als Gegenwind.

Asset Allocation: Einfach schlägt komplex

Die Aufteilung auf Anlageklassen treibt den grössten Teil der Ergebnisschwankung. Ein kerngesundes Gerüst kombiniert breit diversifizierte Aktien mit soliden Anleihen. Bei Aktien bieten weltweit streuende Indexfonds oder ETFs kosteneffizienten Zugang zu tausenden Titeln. Bei Anleihen sind Bonität, Laufzeitstruktur und, für CHF-Anleger:innen, die Währungsfrage zentral. Wer Währungsschwankungen im Obligationenbuch vermeiden will, setzt auf CHF-Emissionen guter Qualität oder auf abgesicherte Mandate. Bei Aktien kann eine teilweise ungesicherte Fremdwährungs-Exposure die Streuung erhöhen; Absicherung reduziert die Volatilität, kann aber über die Zeit Kosten verursachen. Es gibt keine Einheitslösung – entscheidend ist Konsistenz mit Ziel und Risikoprofil.

Reale Werte, Nachhaltigkeit, Steuern

Immobilien, Rohstoffe oder inflationsindexierte Anleihen können als Beimischungen dienen, wenn sie in das Gesamtbild passen. Wer ESG-Präferenzen hat, findet heute robuste Indizes und Fonds; der Fokus sollte auf klaren Methodiken und verlässlicher Datenqualität liegen. Steuerliche Aspekte wie Quellensteuern, die Behandlung von Ausschüttungen oder die Verrechnungssteuer beeinflussen Nettorenditen. Diese Themen sind individuell und vom Wohnsitz abhängig; verbindliche Auskünfte erteilen Steuerfachleute und Behörden.

Implementierung und Disziplin

Gebühren sind sicher: Jede eingesparte Basispunktkette erhöht die Nettorendite. Achten Sie auf Gesamtkosten inklusive TER, Handelskosten, Spreads und allfälliger Stempelabgaben. Legen Sie Rebalancing-Regeln fest, etwa zeitbasiert oder bei Bandbreitenverletzung. Automatisierte Sparpläne und klare Prozesse reduzieren Verhaltensfehler. Ein einfaches Anlagepolicy-Statement – kurz, schriftlich, verbindlich – hilft, in turbulenten Phasen Kurs zu halten.

Transparenz über Datenquellen schärft das Verständnis. Die SNB liefert verlässliche Zeitreihen zu Zinsen und Inflation; das UBS Yearbook dokumentiert Renditen über mehr als ein Jahrhundert; SPIVA-Reports beleuchten die Persistenz aktiver Outperformance. Solche Quellen ersetzen keine Glaskugel, aber sie zwingen zu realistischen Erwartungen.

Eine gute Anlagestrategie ist kein starres Korsett, sondern ein belastbarer Rahmen. Sie wird nicht in jedem Jahr brillieren, aber sie verhindert, dass Fehlentscheidungen kumulieren. Wer Ziele und Zeithorizont kennt, sein Risiko transparent abwägt, die Asset Allocation schlank hält und Kosten diszipliniert managt, vergrössert die Chance, seine finanziellen Ziele zu erreichen. Dieser Text ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Er soll Orientierung stiften – die Umsetzung erfordert Sorgfalt, gegebenenfalls fachliche Begleitung und die Demut, dass Märkte immer überraschen können.

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