Basisinformationsblatt (BIB/KID) richtig lesen
Wer in Fonds, strukturierte Produkte oder kapitalbildende Versicherungen investiert, begegnet dem Basisinformationsblatt – in der EU als KID nach PRIIPs, in der Schweiz als BIB nach FIDLEG bezeichnet. Es soll in wenigen Seiten klarmachen, worum es geht, welche Risiken bestehen, was es kosten kann und wie sich das Produkt unter verschiedenen Marktlagen entwickeln könnte. Klingt einfach, ist es aber nicht. Richtig lesen heisst, die Methodik zu verstehen, Annahmen zu hinterfragen und die Grenzen dieser Standardisierung zu kennen.
Was das Basisinformationsblatt leistet
Der Kernauftrag des BIB/KID ist Vergleichbarkeit. Es zwingt Anbieter, zentrale Informationen in einheitlicher Form darzustellen: Produktziel und Funktionsweise, empfohlene Haltedauer, Liquidität und Rückzahlungsmechanismen, Risikokennzahl, Performanceszenarien sowie Kosten. Rechtsgrundlage sind in der EU die PRIIPs-Verordnung (EU) 1286/2014 und die technischen Standards, in der Schweiz das FIDLEG und die dazugehörigen Verordnungen. Die FINMA akzeptiert EU-Dokumente für viele Produkte, sofern Inhalt und Aktualität den Schweizer Vorgaben entsprechen.
Wesentlich ist die Perspektive: Das BIB/KID beschreibt das Produkt, nicht deine individuelle Situation. Es ersetzt weder Beratung noch Prospekt oder Emissionsprogramm. Wer nur die Schlagzeilen liest, unterschätzt die Annahmen hinter Risiko, Rendite und Kosten. Wer tiefer geht, erkennt, wofür das Instrument gebaut ist – und wofür nicht.
Risiken verstehen: SRI und Produktlogik
Das prominent platzierte Risikomaß nennt sich SRI, die Skala reicht von 1 (niedrig) bis 7 (hoch). Sie kombiniert Marktrisiko und Kreditrisiko des Emittenten. Bei klassischen UCITS-Fonds dominiert die Marktschwankung, bei strukturierten Produkten kann die Bonität des Emittenten den Ausschlag geben. Wichtig: Der SRI bildet nicht jedes Risiko ab. Liquiditätsrisiken, komplexe Auszahlungsprofile, Währungsrisiken oder Pfadabhängigkeiten sind oft nur im Fliesstext erläutert. Lies dort genau, wie Barrieren, Caps, Floors oder Kündigungsrechte funktionieren. Eine Kennzahl erfasst die Logik eines strukturierten Payoffs nie vollständig.
Zentral ist die empfohlene Haltedauer. Sie steckt die Zeitachse ab, auf der Risikokennzahl, Szenarien und Kosten berechnet werden. Wer vorher aussteigt, kann Abweichungen erleben – im Guten wie im Schlechten. Produkte mit langen Laufzeiten wirken kurzfristig oft riskanter, sind aber auf diese Laufzeit konstruiert. Prüfe, ob die Haltedauer mit deinem Planungshorizont zusammenpasst.
Performanceszenarien: Annahmen, Methodik, Fallstricke
Das BIB/KID zeigt in der Regel vier Szenarien: ungünstig, moderat, günstig und Stress, meist für ein Jahr und für die empfohlene Haltedauer. Die EU-Methodik wurde 2023 revidiert, weil frühere Regeln in Haussephasen zu optimistische Zukunftsbilder zeichneten. Heute fliessen längere, teils stressgewichtete Vergangenheitsdaten ein; bei strukturierten Produkten greifen modellbasierte Ansätze. Klingt nüchterner, bleibt aber modellabhängig.
Worauf achten? Erstens auf Konsistenz zwischen Produktfunktion und Szenarien. Wenn ein Kapitalschutz zugesichert ist, muss das Stressszenario das widerspiegeln – abzüglich Kosten und Emittentenrisiko. Zweitens auf die Rolle von Dividenden, Coupons und Wiederanlageannahmen. Drittens auf Währungsumrechnung, wenn Basiswährung und Referenzwährung abweichen. Viertens auf die Bandbreite: Enge Spannen können trügerische Präzision suggerieren. Szenarien sind keine Prognosen, sondern illustrierte Wenn-dann-Aussagen. ESMA, EBA und EIOPA weisen in ihren Q&As explizit darauf hin, dass Anleger diese Zahlen nicht mit Zielrenditen verwechseln sollen.
Kosten im BIB/KID: RIY statt TER
Das Kostenkapitel ist für die Netto-Ertragskraft entscheidend. PRIIPs und FIDLEG stellen nicht nur laufende Gebühren dar, sondern die Gesamtkosten als Reduktion der Rendite (Reduction in Yield, RIY) über definierte Zeiträume. Das ist praxisnah: Du siehst, um wie viele Prozentpunkte Kosten die jährliche Rendite mindern – inklusive Transaktionskosten, Performance Fees und, bei strukturierten Produkten, impliziter Kosten in der Preisstellung.
Bei Fonds weicht die RIY von der klassischen TER ab, weil Transaktionskosten und erfolgsabhängige Vergütungen einbezogen werden. Bei strukturierten Produkten zeigt die RIY, wie stark die implizite Marge den Ertrag drückt. Achte auf die Aufschlüsselung in einmalige, laufende und gelegentliche Kosten sowie auf die Darstellung über die empfohlene Haltedauer. Wenn die RIY im ersten Jahr deutlich höher ist als später, deutet das auf Ausgabeaufschläge oder Set-up-Kosten hin. Prüfe zudem, ob Vertriebskosten enthalten sind oder separat anfallen.
Nützlich ist der Blick auf die Barwertlogik hinter der Kostenberechnung. Gerade bei längeren Laufzeiten kann der Effekt der jährlichen Kosten kumulieren. Ein Unterschied von 0,50 Prozentpunkten RIY pro Jahr macht über zehn Jahre einen deutlich spürbaren Renditeabstand. Die EU-Standards verlangen, dass Annahmen transparent dokumentiert sind; lies den Abschnitt «Wie wurden diese Kosten berechnet?» aufmerksam.
Ein weiterer Baustein ist der Zielmarkt: «Für wen ist dieses Produkt bestimmt?» Hier beschreiben Anbieter Kenntnisse, Risikotoleranz, Verlusttragfähigkeit und Anlagehorizont der adressierten Kundengruppe. Das ist keine persönliche Eignungsprüfung, gibt aber Hinweise, ob das Produkt mit deiner Risikohaltung grundsätzlich kompatibel ist. In der Schweiz ist diese Zielmarktlogik mit dem FIDLEG in die Beratungspflichten eingebettet; im grenzüberschreitenden Kontext gelten zusätzlich die EU-Vertriebsvorschriften.
Fazit: Das BIB/KID ist kein Orakel, aber ein nützliches Raster. Es strukturiert die wichtigsten Fragen: Wie funktioniert das Produkt? Welche Risiken sind prägend? Welche Kosten mindern den Ertrag, und über welche Zeitachse? Wer diese Punkte prüft, kombiniert das Blatt mit Prospekt, Factsheet und – bei Bedarf – einer unabhängigen Zweitmeinung. ESMA- und FINMA-Unterlagen sowie die PRIIPs-Verordnung liefern den methodischen Rahmen. Dieser Beitrag ist weder Anlage-, Steuer- noch Rechtsberatung; er soll helfen, ein standardisiertes Dokument präziser zu lesen.
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