Bondfonds oder Einzeltitel: Was in der Praxis zählt
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Bondfonds oder Einzeltitel: Was in der Praxis zählt

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Bondfonds vs. Einzeltitel unterscheiden sich bei Diversifikation, Duration, Liquidität und Kosten – und damit beim Renditepfad. Was in der Praxis zählt.

Wer in Obligationen investiert, wählt zwischen zwei Wegen: breit gestreute Bondfonds oder direkt gehaltene Einzeltitel. Beides ist «Fixed Income», aber in der Praxis unterscheiden sich Cashflows, Risikosteuerung, Liquidität und Kosten deutlich. Gerade in einem Umfeld, in dem Zinsen wieder eine reale Rendite versprechen, lohnt sich der nüchterne Blick auf die Mechanik hinter den Produkten.

Diversifikation, Duration und der Renditepfad

Ein Einzeltitel hat ein Fälligkeitsdatum. Wer bis zur Endfälligkeit durchhält und keinen Ausfall erleidet, kennt die nominellen Cashflows: Kupons plus Rückzahlung. Der Renditepfad ist damit weitgehend determiniert, Zwischenkursverluste sind buchhalterisch, solange nicht verkauft wird. Ein Bondfonds dagegen ist ein rollierendes Konstrukt: Fällige Papiere werden ersetzt, die Duration wird gemanagt, die Zusammensetzung ändert sich laufend. Die erwartete Rendite nähert sich über Zeit der laufenden Rendite des Portfolios (Yield-to-Maturity), doch der Weg dorthin ist nicht linear.

Steigen die Zinsen, fallen die Kurse – bei beiden. Beim Fonds erhöht sich gleichzeitig die künftige Ertragserwartung, weil die Reinvestitionen zu höheren Renditen erfolgen. Die Erholung verläuft über ungefähr die effektive Duration des Fonds. Beim Einzeltitel gilt: Wer bis zur Fälligkeit hält, realisiert die anfängliche Rendite, Reinvestitionsrisiko entsteht erst am Ende. Diese Dynamik betont die Rolle der Duration als zentralen Kompass. Die Schweizerische Nationalbank und Lehrbücher sind sich einig: Zinsänderungsrisiko ist das dominante Risiko hochwertiger Anleihen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Eine gestaffelte Leiter aus Einzeltiteln (Bond Ladder) kann den Pfad eines Fonds annähern, verlangt aber Kapitalgrösse, Disziplin und Zugang zum Markt. Fonds liefern die Diversifikation sofort. Das senkt Klumpenrisiken im Kreditbereich: Ein einzelner Ausfall kann bei Direktanlagen schmerzhaft sein, in einem Fonds ist er statistisch meist verkraftbar. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigt wiederholt, dass Kreditverluste idiosynkratisch sind und Diversifikation wirkt – solange Korrelationssprünge in Stressphasen bedacht werden.

Liquidität, Kosten und Handel

Der Handel mit CHF-Obligationen findet überwiegend ausserbörslich statt. Für Privatanleger:innen fallen dabei häufig breitere Geld-/Brief-Spannen an als für Institutionelle. Mindeststückelungen von 5'000 bis 200'000 nominal sind keine Seltenheit. Das erschwert feine Allokationsschritte. Bondfonds und -ETF bieten demgegenüber tägliche Liquidität; ETF handeln intraday, klassische Fonds zum täglichen Nettoinventarwert (NAV).

Im Normalfall sind ETF-Auf- und Abschläge zum NAV gering, in Stressphasen können sie vorübergehend wachsen. Die BIZ und Marktbeispiele aus März 2020 dokumentieren, dass ETF-Preise in illiquiden Phasen oft schneller «Preisfindung» widerspiegeln als die trägere NAV-Berechnung. Das ist kein Konstruktionsfehler, sondern Ausdruck der unterschiedlichen Preisquellen. Für Langfristanleger:innen zählt, dass die Schätzung des Portfoliowerts sich über die Abwicklungszeit angleicht.

Kosten sind die andere Seite der Medaille. Passive Bond-ETF in Kernsegmenten (Staats- und IG-Unternehmensanleihen) liegen oft bei 0,05–0,40% TER, aktive Strategien meist darüber. Direktanleger zahlen keine laufende TER, aber einmalige Spreads, oft Courtagen, allfällige Depotgebühren und bei illiquiden Papieren implizite Markteintrittskosten. Für kleinere Tickets kann die Summe dieser Kosten eine TER imitieren oder übersteigen. Morningstar und andere Datenanbieter zeigen konsistent: Tiefe laufende Kosten verbessern die Chance, die Marktrendite nach Gebühren zu erreichen.

Institutionelle vs. private Anleger

Institutionelle verhandeln enge Spreads und handeln in Grössen, die den OTC-Markt effizient machen. Privatanleger:innen haben diesen Hebel selten. Fonds bündeln Nachfrage und verlagern die Verhandlungsmacht zum Portfolio-Manager. Gleichzeitig gilt: Fondsregeln sind transparent, aber sie binden; individuelle Präferenzen (z. B. bestimmte Emittenten meiden) lassen sich mit Direktanleihen präziser umsetzen.

Kreditereignisse, Mandatsgrenzen und Regulierung

Ein Kreditereignis trifft Direktanleger binär: Recovery oder Totalausfall. Fonds verteilen dieses Risiko über viele Emittenten, gleichen Verluste über Zeit aus und können aktiv reagieren. Es gibt aber Nebenwirkungen: Fällt eine Anleihe aus dem Investment-Grade-Bereich, zwingen Mandate manche Fonds zum Verkauf. Solche «Fallen Angels» erzeugen temporären Verkaufsdruck. Für Direktanleger ist das eine Chance oder ein Risiko, je nach Risikobudgets und Analysekapazität. Die S&P-SPIVA-Studien zeigen zudem, dass aktive Bondmanager nach Kosten oft Mühe haben, systematisch Mehrwert zu liefern – Segment und Zeitraum sind dabei entscheidend.

Rechtlich sind Anlegergelder in Schweizer Fonds als Sondervermögen geschützt; die Vermögenswerte werden getrennt vom Fondsanbieter verwahrt. Das Kollektivanlagengesetz (KAG) und die Aufsicht durch die FINMA definieren Anlagegrenzen, Transparenz und Pflichten der Anbieter. Für ausländische UCITS, die in der Schweiz zum Vertrieb zugelassen sind, gelten vergleichbare Schutzmechanismen. Diese Rahmenbedingungen mindern operationelle Risiken, ersetzen aber nicht die Markt- und Zinsrisiken der zugrunde liegenden Anleihen.

Steuerliche Einordnung und Währungsfragen

In der Schweiz sind Zinserträge grundsätzlich einkommenssteuerpflichtig, Kursgewinne auf Privatvermögen in der Regel steuerfrei. Fonds liefern steuerliche Detailausweise, die die Aufteilung der Erträge ausweisen. Die konkrete Behandlung hängt von individueller Situation und Fondstyp ab; sie kann sich ändern und erfordert gegebenenfalls professionelle Abklärung. Für CHF-Anleger:innen ist zudem relevant, dass der inländische Bondmarkt konzentriert ist. Global diversifizierte, währungsgesicherte Fonds verbreitern das Universum, bringen aber Sicherungskosten und -effekte mit sich, die in Phasen stark divergierender Geldpolitik ins Gewicht fallen können.

Fazit ohne Schlagwort: Bondfonds liefern Diversifikation, Skalierbarkeit und einfache Handhabung. Einzeltitel geben die Kontrolle über Cashflows und Fälligkeiten. Entscheidender als die Form ist die Passung zum Zeithorizont, zur Risikotragfähigkeit und zur Governance. Wer die Mechanik von Duration, Liquidität und Kosten versteht, wird die Unterschiede nicht als Dogma lesen, sondern als Werkzeugkasten. Seriöse Quellen – von der SNB über die BIZ bis zu FINMA-Mitteilungen und fundierten Datenanbietern wie Morningstar und SP Global – liefern die Koordinaten. Den Kurs bestimmen Anleger:innen selbst.

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