Buy-and-Hold vs. Timing: Was auf lange Sicht trägt
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Buy-and-Hold vs. Timing: Was auf lange Sicht trägt

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Buy-and-Hold oder Markttiming? Die Evidenz zu Rendite, Risiko und Kosten zeigt, warum Geduld oft obsiegt und wann taktische Eingriffe dennoch Sinn ergeben können.

Kaum eine Frage spaltet Anleger:innen so sehr wie diese: passiv investiert bleiben oder aktiv den Ein- und Ausstieg steuern? Buy-and-Hold wirkt unspektakulär, Timing verspricht Kontrolle. Entscheidend ist, was nach Kosten, Steuern und Fehlern der Praxis übrig bleibt. Die Forschung ist hier klarer, als viele annehmen.

Die Bilanz der Evidenz ist eindeutig

Langfristige Aktienrenditen entstehen ungleich verteilt. Wenige, stark positive Börsentage tragen einen disproportionalen Teil zum Gesamtergebnis bei. Verpasst man nur eine Handvoll dieser Tage, bricht die Rendite ein. Analysen wie der Guide to the Markets von J.P. Morgan Asset Management zeigen für internationale Indizes, dass das Auslassen der 10 besten Tage über zwei Jahrzehnte die Gesamtrendite etwa halbieren kann. Wer timt, muss daher doppelt richtig liegen: rechtzeitig raus und ebenso rechtzeitig wieder rein.

Gleichzeitig ist die Konkurrenz gnadenlos. Laut SPIVA-Studien von S&P Dow Jones Indices unterliegen die meisten aktiv verwalteten Fonds über fünf und zehn Jahre ihren Benchmarks nach Kosten. Morningstars Active/Passive Barometer kommt regelmässig zu ähnlichen Befunden. Timing ist eine besonders anspruchsvolle Form aktiver Wetten – und damit statistisch selten erfolgreich, sobald Gebühren und Steuern berücksichtigt sind.

Für die Schweiz liefern das UBS Global Investment Returns Yearbook 2024 (ehemals Credit Suisse Yearbook) und die Historie des Swiss Performance Index ein nüchternes Bild: Schweizer Aktien erzielten über sehr lange Zeiträume real durchschnittlich rund 4–5 % pro Jahr, nominal um 6–7 %, je nach Messperiode. Diese Prämie floss an jene, die investiert blieben – trotz Krisen, Zinsschocks und geopolitischen Risiken. Wer häufig taktisch umschichtete, lief Gefahr, die Phasen starker Erholung nach Rückschlägen zu verpassen, in denen ein grosser Teil der Mehrerträge realisiert wird.

Verhaltensökonomisch verstärkt sich das Problem. Studien von Barber und Odean zeigen, dass häufiges Handeln die Rendite privater Anleger:innen mindert. Furcht und Gier erzwingen Kauf und Verkauf zum falschen Zeitpunkt. Buy-and-Hold mit klaren Regeln reduziert diese psychologischen Fallstricke, weil es weniger Entscheidungen in Stressphasen verlangt.

Die Kosten- und Steuerkeule

Timing erhöht die Friktion. Jede Transaktion verursacht Courtagen, Bid-Ask-Spreads, potenziellen Slippage sowie in der Schweiz die Stempelabgabe auf Wertpapierumsätzen, die Banken als Effektenhändler weiterbelasten können. Diese Komponenten summieren sich, vor allem bei kleineren Transaktionen oder illiquiden Titeln. Hinzu kommen Währungswechselkosten bei internationalen Umschichtungen.

Steuerlich gilt in der Schweiz: Private Kapitalgewinne sind grundsätzlich steuerfrei, doch wer sehr häufig handelt, kann nach Kriterien der ESTV (Kreisschreiben Nr. 36) als gewerbsmässige:r Wertschriftenhändler:in eingestuft werden, was zu Einkommensbesteuerung der Gewinne und Sozialabgaben führen kann. Das ist keine Rechts- oder Steuerberatung; entscheidend ist, dass häufiges Timing dieses Risiko erhöht. Buy-and-Hold mit periodischem Rebalancing bewegt sich oft klarer innerhalb der Safe-Harbour-Prinzipien.

Wo Timing dennoch Sinn stiften kann

Timing ist kein monolithischer Begriff. Zwischen Bauchgefühl und regelbasiertem Risikomanagement liegen Welten. Disziplinierte Rebalancing-Strategien, die Abweichungen von Zielquoten korrigieren, sind kein klassisches Timing, sondern Portfoliopflege. Sie verkaufen relativ teure und kaufen relativ günstige Segmente, ohne die strategische Allokation zu verlassen. Solche Regeln sind transparent, kostengünstig umsetzbar und in der Literatur gut belegt.

Auch factorbasierte oder momentumorientierte Ansätze folgen klaren, testbaren Regeln. Die akademische Forschung zu Trend und Momentum (etwa Jegadeesh/Titman; Asness et al.) zeigt, dass das systematische Nutzen von Persistenz in Renditen über lange Horizonte Mehrerträge liefern kann, allerdings mit Phasen schmerzhafter Underperformance. Für Privatanleger:innen ist die konsequente Umsetzung anspruchsvoll, erfordert Geduld, saubere Implementierung und diszipliniertes Risikomanagement. In der Praxis erfolgt dies oft via breit diversifizierte, regelbasierte Fonds oder ETFs.

Taktische Allokation in engen Bandbreiten kann zudem Risikobudgets glätten. Wer beispielsweise bei extremen Bewertungsniveaus vorsichtig wird oder bei ausgeprägten Rezessionssignalen das Risiko schrittweise reduziert, betreibt Timing – jedoch eingebettet in Governance, Daten und Prozesse. Erfolgsentscheidend ist die Vorabdefinition von Regeln, die Rechenschaft über Abweichungen vom strategischen Plan und die nüchterne Messung nach Kosten und Steuern.

Die Ausgangslage ändert sich mit der Lebensphase. Wer regelmässig spart, profitiert von Durchschnittskosteneffekten und reduziert das Timing-Risiko durch gestaffelte Käufe. Wer entnimmt, muss Sequenzrisiken beachten und Liquiditätspuffer klug planen, damit Verkäufe nicht in Krisen erzwungen werden. Das sind Elemente der Finanzplanung, keine Wetten auf den nächsten Makro-Haken.

Die Summe der Evidenz spricht damit eine klare Sprache: Buy-and-Hold, breit diversifiziert und diszipliniert rebalanciert, ist für die meisten Strategien nach Kosten, Steuern und Verhaltenseffekten der robuste Kern. Timing kann als Beimischung funktionieren, wenn es regelbasiert, kostensensitiv und transparent umgesetzt wird – und wenn man die unvermeidlichen Durststrecken aushält. Wer dagegen auf Intuition setzt, spielt ein schweres Spiel gegen Statistik, Konkurrenz und die eigenen Reflexe.

Dieser Artikel ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Er soll einordnen, welche Mechanik hinter den Strategien steht und worauf informierte Investor:innen in der Schweiz achten sollten. Die Wahl der Methode bleibt individuell und hängt von Zielen, Risikotoleranz und Prozessdisziplin ab.

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