CO₂-Fussabdruck im Portfolio messen: Methodik und Tücken
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CO₂-Fussabdruck im Portfolio messen: Methodik und Tücken

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Wie sich der CO₂-Fussabdruck im Portfolio sauber messen lässt – von WACI bis PCAF – und wo Datenfallen lauern. Ein Leitfaden für informierte Anleger:innen.

Wer den CO₂-Fussabdruck eines Portfolios ernsthaft steuern will, muss ihn zuerst robust messen. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Datenlücken, Heterogenität der Methoden und die Wahl des Bezugsrahmens entscheiden darüber, ob eine Kennzahl Entscheidungsqualität hat oder nur scheinpräzise wirkt. Regulatorische Impulse – von TCFD-Empfehlungen über FINMA-Offenlegung bis zu den Swiss Climate Scores – erhöhen den Druck und schaffen Standards. Für Anleger:innen geht es darum, eine konsistente Messlogik zu etablieren, die über Anlageklassen hinweg trägt und zugleich die Grenzen des Machbaren offenlegt.

Was eine gute CO₂-Messung ausmacht

Der Startpunkt ist die Definition. Emissionen lassen sich absolut, als Intensität oder als finanzierte Emissionen ausweisen. International verbreitet sind TCFD-nahe Kennzahlen wie die Weighted Average Carbon Intensity (WACI), welche die Emissionsintensität von Unternehmen – meist Tonnen CO₂e pro Umsatz – mit den Portfoliogewichten verrechnet. Alternativ rückt der PCAF-Standard die finanzierten Emissionen ins Zentrum: Ein Portfolioteil wird den Emissionen eines Emittenten proportional zu dessen Enterprise Value inklusive Cash (EVIC) oder zur ausstehenden Schuldenlast zugerechnet. Beide Ansätze haben Stärken. WACI ist stabil und vergleichbar, reagiert aber empfindlich auf Umsatzzyklen. PCAF bildet Finanzierungskausalität ab, ist jedoch datenintensiv und methodisch anspruchsvoller.

Unverzichtbar ist die saubere Abgrenzung der Emissionsumfänge. Scope 1 und 2 lassen sich zunehmend verlässlich berichten; Scope 3 entscheidet in vielen Sektoren über die Wahrheit der Bilanz. Die Qualität der Eingabedaten variiert stark. Seriöse Anbieter kennzeichnen, ob Emissionen gemeldet, modelliert oder aus Branchenbenchmarks abgeleitet wurden. Wer steuern will, braucht Transparenz über Abdeckungsgrade, Schätzanteile, Zeitverzug und Restatements. Ebenso wichtig ist die Normalisierung: Intensitäten pro Umsatz sind konjunktursensibel; pro EVIC oder produzierter Einheit können sie sektorübergreifend belastbarer sein. Entscheidend ist die Konsistenz – Kennzahlen sollten über Zeiträume vergleichbar bleiben und methodische Änderungen separat offenlegen.

Scope 3: unvermeidbar, aber fehleranfällig

Ohne Scope 3 missversteht man Übergangsrisiken in Konsum- und Energiesektoren. Gleichzeitig häufen sich in den vor- und nachgelagerten Ketten Schätzfehler und doppelte Zurechnungen. Das GHG Protocol erlaubt verschiedene Abgrenzungen; PCAF schlägt für Portfoliomessungen konservative Annahmen vor. Ein pragmatischer Weg ist die Priorisierung wesentlicher Scope-3-Kategorien je Sektor, kombiniert mit klaren Unsicherheitsbandbreiten. Kompensationen und Offsets sollten separat ausgewiesen werden; sie mindern nicht die betrieblichen Emissionen, sondern sind ein anderes Instrument mit eigenen Qualitätsanforderungen.

Aktien, Anleihen, Immobilien: Unterschiede je Anlageklasse

Bei Aktien ist die Datenlage am besten, doch auch hier bleibt die Wahl des Bezugs heikel. Eine WACI auf Umsatzbasis kann ein Handelsunternehmen künstlich „leicht“ wirken lassen und einen Versorger „schwer“, obwohl Letzterer in Netze und Dekarbonisierung investiert. Finanzierten Emissionen nach PCAF kommt hier besonderes Gewicht zu, weil sie die Eigentums- oder Finanzierungsrelation explizit machen. Bei Unternehmensanleihen empfiehlt PCAF eine Zurechnung nach Anteil an der Kapitalstruktur; Laufzeit und Seniorität verändern die ökonomische Relevanz, nicht aber die Emissionshistorie. Refinanzierungen und M&A-Ereignisse schlagen als Methodensprünge durch, was eine disziplinierte Nachführung erfordert.

Staatsanleihen stellen eine eigene Disziplin dar. Hier stützt man sich auf länderspezifische Emissionen und teilt sie proportional zur Allokation zu, oft normalisiert nach BIP oder Einwohnern. Produktions- versus konsumbezogene Emissionen führen zu anderen Ergebnissen in offenen Volkswirtschaften. Weltbank- und UNFCCC-Daten bilden die Grundlage, doch Zeitverzüge sind gross. Für Immobilien zählt primär der operative Energieverbrauch pro Quadratmeter sowie der Anteil erneuerbarer Versorgung; Embodied Carbon der Bauphase gewinnt an Bedeutung, ist aber schwer zu bilanzieren. In Private Markets und Infrastruktur helfen technische Metriken wie Energieintensität, Net-Zero-Pläne und Capex-Ausrichtung. Datenproxies sind erlaubt, sollten aber nach PCAF transparent dokumentiert werden.

Gemeinsam über alle Anlageklassen gilt: Messpunkte sollten mit der Investmenthypothese verknüpft sein. Ein Übergangspfad ohne Capex ist Rhetorik. Kennzahlen müssen sowohl den Status quo als auch die Richtung abbilden. Forward-looking Indikatoren – etwa Science Based Targets initiative (SBTi)-Abdeckung, Investitionspläne in Einklang mit IEA-Szenarien oder die „Implied Temperature Rise“ – ergänzen den Fussabdruck, sie ersetzen ihn nicht.

Von der Kennzahl zur Steuerung: Ziele, Engagement und Schweizer Rahmen

Wer die Baseline kennt, kann Ziele setzen. Technisch sauber sind relative Reduktionspfade mit klarer Referenzperiode, stabiler Methodik und definierter Abdeckung. Reine Ausschlüsse senken oft die Portfoliozahl, reduzieren aber nicht zwingend reale Emissionen. Wirkungsnäher sind Engagement, Stimmrechtsausübung und vertragliche Meilensteine bei Kreditvergaben. Wichtig ist, Zielkonflikte mit Rendite, Liquidität und Diversifikation offen zu adressieren; der CO₂-Fussabdruck ist eine Restriktion unter mehreren, kein Alleinmass.

Die regulatorische Landkarte wird dichter. FINMA verlangt von grossen Instituten klimabezogene Offenlegung nach TCFD, was Metriken, Ziele und Governance umfasst. Der Bundesrat hat die Swiss Climate Scores etabliert, die neben der Emissionsintensität auch Temperaturausrichtung, grünen Umsatz, fossile Reserven, Engagement und Transparenz abfragen. Für Schweizer Anbieter mit EU-Kundschaft spielen zusätzlich SFDR und die EU-Benchmark-Verordnungen (CTB/PAB) eine Rolle. In der Praxis bewährt sich eine zweigleisige Berichterstattung: rückwärtsgewandte, prüfbare Fussabdruckkennzahlen und vorwärtsgewandte Übergangsmetriken, beide mit klarer Methodik und Quellenangabe.

Seriöse Quellen sind verfügbar, aber kein Ersatz für Urteilskraft. PCAF gibt robuste Zurechnungsschlüssel für Anlageklassen vor, das GHG Protocol definiert Emissionsgrenzen, TCFD strukturiert die Offenlegung, und die Science Based Targets initiative prüft Unternehmensziele. Portfolio-Tests wie PACTA, die der Bund in der Schweiz fördert, liefern einen Realitätscheck der Technologieausrichtung. Wer diese Bausteine kombiniert und die Limitationen klar kommuniziert, schafft die Grundlage für Entscheidungen, die ökonomisch und ökologisch Sinn machen – ohne falsche Sicherheit zu versprechen.

Dieser Beitrag dient der Information und ist weder Anlage-, Steuer- noch Rechtsberatung. Messmethoden und regulatorische Anforderungen können sich ändern; eine regelmässige Überprüfung der eigenen Praxis ist ratsam.

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