Stimmrechte und Engagement: Wirkung jenseits der Schlagzeilen
Wer Anteile hält, hält mehr als ein Kursrecht. Stimmrechte und Engagement sind zentrale Elemente des Aktionärseigentums – und damit ein Hebel, um Governance, Strategie und Kapitalallokation von Unternehmen mitzuprägen. Abseits der lauten Debatten über ESG und Aktivismus lohnt der nüchterne Blick: Wie entfaltet sich Wirkung realistisch, welche Evidenz gibt es, und wo sind die Grenzen? Für informierte Anlegerinnen und Anleger ist das mehr als eine Stilfrage. Es berührt die ökonomische Substanz von Risiken, Cashflows und Bewertungsprämien.
Warum Stimmrechte und Engagement zählen
Aktionäre haben in den meisten Märkten zentrale Mitspracherechte: Verwaltungsratswahlen, Vergütungsabstimmungen, Kapitalmassnahmen, Statutenänderungen. Der OECD Corporate Governance Factbook (2023/24) zeigt, dass diese Rechte in den letzten Jahren gestärkt wurden, auch mit digitalen Abstimmungen und höherer Transparenz. In der Schweiz sind seit der Minder-Initiative die Vergütungsabstimmungen bindend; die OR-Revision festigt diese Architektur. Stimmrechte sind damit nicht symbolisch, sondern ein direkter Mechanismus, um Anreize zu justieren und Kontrollfunktionen zu schärfen.
Engagement ergänzt die Abstimmung. Es zielt auf informierte, oft mehrjährige Dialoge zwischen Investoren und Unternehmen. Studien deuten darauf hin, dass konstruktives Engagement ökonomische Ergebnisse verbessern kann. Dimson, Karakas und Li (Review of Financial Studies, 2015) untersuchten über 2'000 Engagement-Fälle und fanden messbare Verbesserungen in Governance und, bei erfolgreichen Interventionen, auch Mehrerträge. Der Mechanismus ist banal und wirksam zugleich: Bessere Offenlegung, plausiblere Ziele, präzisere Kapitalallokation – und damit tiefere Kapitalkosten über die Zeit.
Die Evidenz ist nicht eindimensional. Die Unterstützung für E- und S-Aktionärsanträge ist zyklisch und kontextabhängig. In den USA fiel die Zustimmung in der Saison 2024 laut Morningstar bei vielen Umwelt- und Sozialanträgen auf rund 20 %. In Europa sind Governance-Fragen wie Vergütung oder Unabhängigkeit des VR traditionell stärker verankert und oft durch verbindliche Abstimmungen gerahmt. Wirkung entsteht damit weniger an der medial bekannten Extremszene des Aktivismus, als im geduldigen, datenbasierten Stewardship der grossen Eigentümer – inklusive Indexhäusern, die mangels Exit umso eher Voice nutzen müssen.
Wie Wirkung entsteht: von der Stimme zum Dialog
Wirkung entfaltet sich entlang einer Eskalationsleiter. Am Anfang stehen klare Abstimmungsgrundsätze und die professionelle Ausübung der Stimmrechte – intern oder mit Proxy-Research-Unterstützung. In der Schweiz veröffentlichen Akteure wie Ethos, UBS AM oder grosse Pensionskassen detaillierte Abstimmungsberichte; international setzen Anbieter wie ISS oder Glass Lewis analytische Benchmarks. Wichtig sind Konsistenz und Kontext. Ein starres Regelwerk ohne Unternehmensdialog verfehlt oft den Kern; ein reines Gespräch ohne klare Konsequenzen bleibt folgenlos.
Der zweite Hebel ist der strukturierte Dialog. Hier geht es nicht um Schlagzeilen, sondern um Präzision: Governance-Struktur, Kapitaldisziplin, Vergütungskohärenz, Klimaziele mit CAPEX- und OPEX-Pfaden, Lieferkettenrisiken, IT-Sicherheit. Das gelingt selten im Alleingang. Koalitionen – von der PRI über Investoreninitiativen bis zu thematischen Allianzen – können die Verhandlungsmacht erhöhen. Die EU-Aktionärsrechterichtlinie (SRD II) und Aufseher wie ESMA sehen Engagement explizit als Bestandteil guter Eigentümerpraxis; in der Schweiz formuliert der Swiss Stewardship Code von AMAS seit 2023 Prinzipien zu Politik, Prozessen und Berichterstattung.
Auch auf der Fremdkapitalseite gibt es Einfluss. Bondholder verhandeln Covenants, Offenlegungen und Refinanzierungsbedingungen. Bei Sustainability-linked Bonds entscheiden Glaubwürdigkeit und Messbarkeit der Ziele über die Emissionskonditionen. Wer langfristig Kapital bereitstellt, hat legitime Erwartungen an Steuerung und Transparenz – unabhängig von der Anlageklasse.
Messen statt meinen: Transparenz und Standards
Wirkung muss überprüfbar sein. Seriöses Stewardship berichtet nicht nur über Aktivitäten, sondern über Resultate. Dazu gehören Kennzahlen wie Abdeckungsgrad der Stimmrechte, Abweichungen von Managementempfehlungen, thematische Schwerpunkte, Zahl und Status von Engagement-Fällen, erzielte Zusagen sowie allfällige Eskalationen bis hin zu Gegenstimmen oder öffentlichen Stellungnahmen. Viele Häuser veröffentlichen heute Abstimmungsdaten auf Einzeltitelebene; einige, darunter grosse Indexanbieter, testen «Voting Choice», bei dem gewisse Kundensegmente eigene Präferenzen umsetzen können. Das mindert das Trittbrettfahrerproblem nicht vollständig, erhöht aber die Verantwortlichkeit entlang der Kapitalallokationskette.
Standards helfen bei der Einordnung. PRI-Reporting, der AMAS Stewardship Code, nationale Corporate-Governance-Codes oder themenspezifische Rahmenwerke schaffen Vergleichbarkeit. ESMA und die OECD betonen zugleich die Notwendigkeit robuster Konflikt-of-Interest-Regeln, insbesondere wenn Asset Manager Teil grösserer Finanzkonzerne sind. Transparenz zur Nutzung von Proxy-Research ist ebenso zentral: Empfehlungen sind Input, nicht Ersatz für das eigene Urteil.
Grenzen bleiben. Engagement ist ressourcenintensiv und wirkt oft graduell. Nicht jeder Antrag erhöht den Unternehmenswert, nicht jede Forderung ist ökonomisch sauber hinterlegt. Märkte sind pluralistisch: Unterschiedliche Zeitpräferenzen und Risikoeinschätzungen führen zu divergierenden Stimmstrategien. Das ist kein Fehler, sondern Ausdruck von Eigentum in marktwirtschaftlichen Systemen.
Für professionelle Anlegerinnen und Anleger ist daher weniger die Schlagkraft einzelner Kampagnen entscheidend als die Qualität der Prozesse. In der Due-Diligence-Praxis stehen typischerweise die personelle Ausstattung von Stewardship-Teams, die Verankerung auf Investmentebene, die Offenlegung von Erfolgskennzahlen, der Umgang mit Zielkonflikten und die Konsistenz von Abstimmungs- und Engagementpolitik im Fokus. Wer hier Substanz zeigt, verbessert die Chancen, dass Stimmrechte und Engagement nicht als Marketing, sondern als Werttreiber wirken – über Konjunkturzyklen hinweg.
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