Greenwashing erkennen: einfache Checks für Anleger
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Greenwashing erkennen: einfache Checks für Anleger

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Greenwashing vernebelt ESG-Anlagen. Mit wenigen, praxistauglichen Checks prüfen Sie Fonds, Anleihen und Produkte – ohne Spezialwissen, aber faktenbasiert.

Nachhaltige Anlagen sind im Mainstream angekommen. Mit dem Erfolg steigt das Risiko von Greenwashing: Produkte geben sich grün, liefern aber wenig Substanz. Regulatoren schärfen weltweit die Regeln, doch letztlich entscheidet die Qualität von Daten, Zielen und Transparenz. Wer einige einfache Checks beherzigt, kann Greenwashing zuverlässig entlarven – über Anlageklassen hinweg, von Fonds bis Anleihen. Der folgende Leitfaden ist Informations- und keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.

Woran seriöse Nachhaltigkeitsansätze erkennbar sind

Echte Nachhaltigkeitsprodukte legen offen, was sie erreichen wollen, wie sie es messen und welche Kompromisse sie eingehen. Entscheidend sind drei Pfeiler: belastbare Daten, überprüfbare Ziele und ein klarer Prozess. Bei Fonds heisst das zunächst, dass die Strategie präzise formuliert ist. Ein Hinweis wie «berücksichtigt ESG-Faktoren» genügt nicht. Substanziell wird es, wenn der Anbieter konkrete Kennzahlen nennt, etwa die angestrebte Reduktion der portfolioweiten Treibhausgasintensität, die Quote kontroverser Umsätze oder harte Ausschlusskriterien, und diese regelmässig gegen einen Referenzwert berichtet.

Wichtig ist, Labels nicht zu überschätzen. Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) segmentiert Produkte in Artikel-8- und -9-Fonds, ist aber ein Offenlegungsrahmen, kein Qualitätssiegel. Das hat die EU-Kommission in Auslegungen mehrfach betont, während ESMA parallel Leitlinien zu Fondsnamen mit ESG-Begriffen vorgelegt hat, um irreführende Bezeichnungen einzudämmen (ESMA, 2024). In der Schweiz gibt es kein staatliches Label; der Bundesrat setzt auf Transparenzinstrumente wie die Swiss Climate Scores und auf Selbstregulierung. FINMA hat bereits 2021 dargelegt, wie Greenwashing bei kollektiven Kapitalanlagen zu vermeiden ist, insbesondere durch klare Anlagerichtlinien und konsistente Berichterstattung.

Daten, Ziele, Stewardship

Ein robuster Ansatz stützt sich auf nachvollziehbare Daten. Dazu gehören CO₂-Intensitäten mit Angabe der Abdeckung von Scope 1, 2 und – soweit sinnvoll – 3, die Offenlegung wesentlicher nachteiliger Nachhaltigkeitsauswirkungen (PAI-Indikatoren) sowie die Quote unabhängig geprüfter Daten. Glaubwürdige Anbieter lassen zentrale Kennzahlen prüfen oder zumindest plausibilisieren. Ebenso wichtig sind zeitgebundene Ziele. Ein Fonds, der Dekarbonisierung verspricht, sollte eine klare Reduktionspfad-Logik darlegen und erklären, wie er mit Abweichungen umgeht. Drittens zählt Stewardship: Wer aktiv Einfluss nehmen will, dokumentiert Stimmrechtsausübung, Engagement-Ziele, Meilensteine und Eskalationsstufen. Leere Versprechen erkennt man daran, dass solche Nachweise fehlen oder pauschal bleiben.

Einfache Checks für Fonds, Aktien und Anleihen

Ein schneller Realitätscheck beginnt beim Namen und endet bei den Top-Holdings. Stimmen Marketingversprechen und Portfoliobild überein? Bei einem «Net-Zero»-Fonds sollte die Emissionsintensität unter der des Vergleichsindex liegen und ein Publikationsrhythmus für die Dekarbonisierung vorliegen. Ein Blick auf die zehn grössten Positionen offenbart oft mehr als zehn Seiten Broschüre. Finden sich unter den Schwergewichten Emittenten mit hohen Kohle- oder Ölanteilen, braucht es eine klare Begründung, eine Übergangslogik oder konsequente Engagement-Dokumente. Fehlt dies, ist Vorsicht angebracht.

Prüfen Sie die Rolle von Derivaten. Sie können Emissionen senken oder nur optisch verschieben. Transparente Manager erläutern, ob und wie Derivate die ESG-Kennzahlen beeinflussen. Achten Sie auf Gebühren und Tracking-Fehler. Hohe Gebühren bei einer Strategie, die einen Standardindex mit ein paar Ausschlüssen abbildet, sind ein Warnsignal. Bei passiven ESG-Indizes hilft der Vergleich von Methodik und Ergebnis: Wie viele Titel werden ausgeschlossen? Welche Umsatzschwellen gelten, etwa bei Kohle oder kontroversen Waffen? Indizes mit minimalen Anpassungen liefern meist minimale Nachhaltigkeitswirkung.

Bei Anleihen zählen Rahmenwerke und Nachweise. Green Bonds sollten ein klares «Use of Proceeds»-Framework nach ICMA-Prinzipien, eine Second-Party-Opinion und regelmäßiges Wirkungsreporting haben, idealerweise mit externem Assurance-Vermerk. Vorsicht bei Projekten mit schwer messbaren Effekten oder hoher Abhängigkeit von Kompensationen. Bei Sustainability-Linked Bonds müssen die Kennzahlen wesentlich und die Zielwerte ambitioniert sein; ein marginaler Coupon-Step-up ist kein starker Anreiz. Seriöse Emittenten legen Baselines, Methodik und Datenquellen offen.

Bei Aktienstrategien sind die Klimaziele der Unternehmen ein guter Lackmustest. Science Based Targets initiative (SBTi)-validierte Ziele oder detaillierte CDP-Offenlegungen sprechen für Substanz. Auch Rechts- und Reputationsrisiken sind Teil des Bildes: wiederholte Verstösse gegen Umwelt- oder Arbeitsrecht und ausstehende Grossverfahren kontrastieren mit grünen Marketingaussagen. Wer diese Puzzleteile zusammenfügt, erkennt, ob Nachhaltigkeit Kern des Geschäftsmodells oder bloss Dekor ist.

Regulatorischer Kontext: hilfreich, aber kein Freipass

Die Aufsicht schärft die Instrumente, doch sie ersetzt nicht die eigene Prüfung. ESMA hat Leitlinien für Fondsnamen mit ESG-Begriffen vorgelegt, um Mindestanforderungen und Ausschlüsse zu verankern. Die britische FCA hat 2024 eine Anti-Greenwashing-Regel in Kraft gesetzt, die faire, klare und nicht irreführende Nachhaltigkeitsaussagen verlangt. In den USA hat die SEC 2023 die Names Rule ausgeweitet, damit Fonds, deren Namen eine Strategie implizieren, diese zu mindestens 80% umsetzen. In der Schweiz verfolgt die FINMA das Thema mit Schwerpunkt auf Transparenz und Kohärenz; der Bundesrat treibt parallel Swiss Climate Scores sowie Selbstregulierung von AMAS und Bankenverband voran. Diese Rahmenwerke geben Orientierung und erhöhen die Hürden für Marketingprosa.

Die Praxis bleibt entscheidend. Wer ein Produkt prüft, sollte die Konsistenz von Zielen, Prozess und Ergebnissen suchen. Stimmen die Zahlen mit der Erzählung überein? Gibt es unabhängige Prüfvermerke? Werden Abweichungen erklärt und Korrekturen umgesetzt? Greenwashing lebt vom Nebel. Ein paar sachliche Fragen bringen Klarheit – und helfen, Kapital dorthin zu lenken, wo Wirkung und Rendite zusammengehen.

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