Stimmrechte nutzen: Wie Engagement bei Schweizer Aktien wirkt
Aktionär:innen sind nicht nur Renditeempfänger, sondern Miteigentümer. Wer Stimmrechte und Engagement bei Schweizer Aktien konsequent nutzt, kann Governance verbessern, externe Kosten senken und strategische Risiken früh adressieren. Das ist kein moralischer Luxus, sondern handfeste Kapitaldisziplin. Der Schweizer Markt mit seinen Ankeraktionären, starken Registern und klaren Abstimmungsregeln bietet dafür ein präzises Spielfeld – für Privatanleger:innen ebenso wie für Pensionskassen und Vermögensverwalter.
Rechte und Rahmen: Was Schweizer Aktionär:innen können
Die revidierte Aktienrechtsordnung, seit 2023 weitgehend in Kraft, hat die Mitwirkungsrechte geschärft. Die «Say-on-Pay»-Abstimmungen über Vergütungen sind verbindlich; Generalversammlungen können virtuell stattfinden, sofern die Statuten es vorsehen; die Traktandierungsschwelle für kotierte Gesellschaften wurde gesenkt. Wer 0,5% des Kapitals hält oder Aktien im Nennwert von CHF 1'000'000 vertritt, kann Traktanden anmelden. Das Recht, eine ausserordentliche Generalversammlung zu verlangen, greift in der Regel ab 5%.
Besonders einflussreich ist die Rolle der 2. Säule. Seit 2014 sind Schweizer Pensionskassen verpflichtet, die Stimmrechte bei inländischen kotierten Gesellschaften in zentralen Vergütungsfragen auszuüben und die Abstimmungsentscheidungen offenzulegen (BVV 2). Diese Transparenz schafft Marktdisziplin. Studien und Praxis zeigen, dass Abstimmungen bei Schweizer Blue Chips häufig knapp ausfallen. Ein gut begründetes Nein-Signal wirkt – und führt oft zu überarbeiteten Vergütungsmodellen oder präziseren Nachhaltigkeitszielen.
Der technische Unterbau ist vergleichsweise robust. Viele Emittenten nutzen elektronische Abstimmungsportale über ihre Registerstellen. Wer seine Titel im Namen der Bank hält, kann in der Regel via Weisungssysteme im E‑Banking abstimmen. Für Namensaktien ist der Eintrag ins Aktienregister entscheidend, um das Stimmrecht vollumfänglich zu sichern. Internationale Verwahrketten und Nominee-Strukturen können Reibungen erzeugen; hier hilft es, Fristen und Weisungskaskaden früh zu kennen.
Proxy Advisors und Stewardship Codes
Stimmrechtsberater wie ISS, Glass Lewis und die Schweizer Ethos-Stiftung prägen die Debatte. Ihre Analysen sind keine Vorschriften, aber sie standardisieren Governance-Prüfungen und machen Abweichungen erklärungsbedürftig. Gleichzeitig setzt der 2023 publizierte Swiss Stewardship Code von AMAS und Swiss Sustainable Finance Leitplanken für verantwortungsvolles Aktionärstum: klare Eskalationspfade, Transparenz der Stimmabgabe, Priorisierung von Wesentlichkeit, Kooperation, wenn es die Treuepflicht erlaubt. International richtet sich der Blick auf den UK Stewardship Code als Referenz für Berichterstattung und Wirkungsmessung.
Von der Theorie zur Praxis: Wirkung messen und Einfluss nehmen
Engagement ist kein Wohlfühlprogramm, sondern ein Instrument zur Risikominderung. Eine vielzitierte Studie von Dimson, Karakas und Li (2015) zeigt, dass erfolgreiches, konstruktives Engagement mit besseren nachfolgenden Betriebsergebnissen und Bewertungsmultiplikatoren einhergehen kann. Schweizer Evidenz liefert die Praxis: Ethos und institutionelle Koalitionen haben bei Themen wie Klimastrategie, Kapitalallokation und Vergütungsmetriken wiederholt Anpassungen erreicht. Bei einzelnen SMI-Unternehmen wurden Vergütungsberichte nur knapp genehmigt – ein Signal, das rasch zu Nachbesserungen führte. «Say-on-Climate»-Abstimmungen, etwa bei Industrie- und Baustofftiteln, haben zudem den Dialog über Übergangspläne konkretisiert, inklusive Capex-Pfade und Scope‑3‑Daten.
Wirkung entsteht entlang eines Eskalationsbogens: Analyse, diskreter Dialog, öffentliche Positionierung, Stimmabgabe – und in letzter Konsequenz die Unterstützung von Traktandierungsbegehren. In einem Markt mit starken Ankeraktionären zählt Qualität vor Lautstärke. Präzise Argumente zur Kapitalrendite, zur Struktur der Anreizsysteme oder zu Klimarisiken im Geschäftsmodell öffnen Türen eher als generische Forderungen. Je messbarer die Kennzahlen – etwa gewichtete Kapitalkosten, Cash-Conversion, Unfallraten, Emissionsintensität je Umsatz – desto höher die Erfolgswahrscheinlichkeit.
Privatanleger:innen stehen vor der Frage der Skalierbarkeit. Bei Direktanlagen ist die Stimmabgabe leicht umsetzbar, Engagement jedoch zeitintensiv. Kooperationen bieten Hebel: Der Ethos Engagement Pool Schweiz bündelt Stimmen institutioneller Investoren und berichtet periodisch über Fortschritte. Wer via Fonds oder ETF investiert, übt die Stimmrechte nicht selbst aus, hat aber Einfluss über die Wahl des Anbieters. Grosse Häuser wie BlackRock, Vanguard oder UBS AM veröffentlichen detaillierte Abstimmungsbulletins und Engagementberichte; Programme zur «Voting Choice» sind in Europa bislang selektiv verfügbar, entwickeln sich aber weiter.
Natürlich hat aktive Eigentümerschaft Grenzen. Freerider profitieren, ohne Kosten zu tragen. Ankeraktionäre können Veränderungen blockieren. Und nicht jedes Nachhaltigkeitsbegehren ist wertrelevant. Genau deshalb braucht es Materialitätstests und klare Erfolgskriterien. Im Zweifel bleibt die Exit-Option – aber wer früh und kenntnisreich interveniert, verbessert oft zuerst die Informationslage und senkt die Unsicherheit, was sich in niedrigeren Eigenkapitalkosten niederschlagen kann.
Fazit: Engagement und Stimmrechte sind Teil des Rendite-Risiko-Handwerks. In der Schweiz ist der institutionelle und regulatorische Rahmen dafür ungewöhnlich klar. Wer Governance und Strategiefragen konsequent adressiert, erhöht die Wahrscheinlichkeit robusterer Cashflows und resilienterer Geschäftsmodelle – und macht die Märkte ein kleines bisschen effizienter. Dieser Beitrag ist Informationsmaterial und ersetzt keine individuelle Anlage‑, Steuer‑ oder Rechtsberatung.
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