Entnahmestrategie in der Rente: die Basics
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Entnahmestrategie in der Rente: die Basics

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Die Entnahmestrategie bestimmt, wie lange Vermögen im Ruhestand hält. Was fixe, dynamische und regelbasierte Ansätze leisten – und wie Anlageklassen wirken.

Wer vom Spar- in den Entnahme-Modus wechselt, verändert die Spielregeln grundlegend. Nicht mehr die Renditejagd steht im Vordergrund, sondern Planbarkeit, Risiko-Resilienz und die Fähigkeit, Kaufkraft möglichst lange zu sichern. Eine durchdachte Entnahmestrategie übersetzt Vermögen in verlässliche Lebenshaltung – und bewahrt Spielraum für Unvorhergesehenes. Sie ist kein starres Rezept, sondern ein Rahmen, der Kapitalmarkt, Inflation und persönliche Prioritäten integriert.

Warum die Entnahmestrategie den Ruhestand trägt

Im Ruhestand wirken drei Kräfte besonders stark: Langlebigkeit, Inflation und das Sequenzrisiko. Langlebigkeit verlangt, dass das Portfolio auch einen langen Lebensabend abdeckt. Inflation frisst Kaufkraft; sie ist in der Schweiz historisch tiefer als anderswo, aber keineswegs verschwunden, wie die Jahre 2021–2023 zeigten (SNB). Das Sequenzrisiko beschreibt die Gefahr, kurz nach Beginn der Entnahmen auf eine schwache Börsenphase zu treffen. Wer dann gleichbleibende Beträge verkauft, liquidiert überproportional viele Anteile zu tiefen Kursen – ein Schaden, der sich selbst bei späteren Erholungen nur schwer ausgleicht.

Die Anlageklassen setzen hier an. Aktien liefern langfristig die Wachstumsprämie, aber mit Volatilität. Hochqualitative Anleihen und Cash dämpfen Schwankungen und sichern planbare Liquidität. Historische Daten deuten darauf hin, dass global diversifizierte Aktien in realen Grössenordnungen von 4–5% pro Jahr rentiert haben, während Anleihen deutlich weniger beisteuern (Dimson/Marsh/Staunton, UBS Global Investment Returns Yearbook 2024). Diese Bandbreiten sind keine Garantie, aber sie stecken den Erwartungskorridor ab, in dem nachhaltige Entnahmen gestaltet werden.

In der Schweiz kommen Besonderheiten hinzu. AHV und Pensionskassenrenten stellen einen planbaren Einkommensboden dar; das entlastet das Portfolio, erhöht aber die Abhängigkeit vom verbleibenden Kapital für Extras, Inflationsschutz und unerwartete Kosten. Währung ist zentral: Wer in CHF lebt, trägt bei Fremdwährungsanlagen Wechselkursrisiken oder Hedging-Kosten. Inflationsgeschützte Anleihen existieren primär in USD/EUR; ein CHF-Portfolio muss ihren Nutzen gegen Wechsel- und Absicherungskosten abwägen.

Fix, dynamisch oder regelbasiert: was hält in der Praxis?

Klassisch ist die fixe Entnahme, populär geworden als „4%-Regel“ auf Basis US-Daten der 1990er-Jahre (Bengen; Trinity Study). Sie sieht vor, zum Start einen festen Prozentsatz vom Anfangsvermögen zu entnehmen und den Betrag jährlich mit der Inflation anzupassen. Ihr Vorteil ist Einfachheit und Planbarkeit. Ihr Nachteil: Sie reagiert kaum auf Bewertungen, Renditen oder Zinsniveaus und ist stark von der Startperiode abhängig. In Phasen tiefer Anleiherenditen und hoher Aktienbewertungen können konservativere Startquoten – oft im Bereich 3–4% – angebracht sein, während bessere Zinslandschaften etwas Luft geben. International zeigen neuere Untersuchungen eine Spanne, kein Dogma (z.B. Morningstar, Vanguard, Kitces).

Dynamische Ansätze binden Entnahmen an die Entwicklung des Vermögens. Wer jedes Jahr einen Prozentsatz des aktuellen Portfolios bezieht, reduziert in schwachen Jahren automatisch den Konsum und bewahrt Kapital. Das stabilisiert die Wahrscheinlichkeit, nicht vorzeitig anzuecken, macht das Einkommen aber volatiler. Regelbasierte Methoden versuchen, beides zu versöhnen. „Guardrails“ setzen Ober- und Untergrenzen: Steigt oder fällt das Vermögen relativ zum Start um definierte Schwellen, werden die Entnahmen proportional gekürzt oder erhöht (Guyton/Klinger; Kitces). Alternativ begrenzen „Floor-and-Ceiling“-Modelle die jährliche Anpassung, um starke Ausschläge zu dämpfen. Evidenz aus Simulationen zeigt, dass solche Regeln Sequenzrisiken abmildern können, ohne den Lebensstandard unnötig zu drücken – vorausgesetzt, man hält diszipliniert daran fest.

Sequenzrisiko, Inflation und die Mischung der Anlageklassen

Die Portfoliokonstruktion entscheidet, wie viel Schwankung eine Entnahmeregel aushalten kann. Ein angemessener Cash- und Anleihepuffer ermöglicht es, in Bärenmärkten mehrere Jahre Entnahmen zu finanzieren, ohne Aktien zu schlechten Preisen verkaufen zu müssen. Duration ist dabei kein Detail: Längere Laufzeiten reagieren empfindlich auf Zinsbewegungen, bieten aber höhere Ertragschancen, wenn Zinsen fallen. Wer den Puffer eher kurz hält und breit diversifiziert, reduziert Zinsrisiko, muss aber mit geringerer Rendite leben. Realwert-Komponenten – globale Aktien mit Preissetzungsmacht, Immobilien, teils Rohstoffe – können Inflationsschübe abdämpfen, sind jedoch volatil und verlangen eine klare Rolle im Entnahmerahmen.

Wesentlich ist auch die Rebalancierung. Regelmässige Rückführung auf Zielquoten verkauft relativ teure Anlageklassen und kauft die relativ günstigen nach. Während der Entnahmephase ersetzt der natürliche Geldzufluss durch Verkäufe einen Teil des Rebalancierens. In Stressphasen lohnt es sich, den Puffer gezielt einzusetzen und Verkäufe zyklischer Risikopositionen zu vermeiden. Kosten sind ein leiser, aber mächtiger Faktor: Eine Reduktion der Gesamtkostenquote um 0,5 Prozentpunkte pro Jahr kann in einem 20-jährigen Ruhestand den finanziellen Spielraum spürbar erhöhen.

Schliesslich braucht jede Methode Governance. Klare Entscheidpunkte, etwa jährliche Checks der Entnahmerate relativ zum Vermögen, verhindern ad-hoc Reaktionen. Wer Erwartungen mit Spannen statt Punktwerten plant und Anpassungen frühzeitig auslöst, erträgt Marktlaunen gelassener. Das ist weniger Zahlenakrobatik als Disziplin. Verlässliche Informationsquellen – von der SNB über BSV-Statistiken zur Vorsorge bis zu Langfriststudien wie dem UBS Global Investment Returns Yearbook – helfen, Annahmen zu verankern.

Die Entnahmestrategie ist damit eine Brücke zwischen Kapitalmarkt und Alltag. Sie übersetzt Rendite in Lebensqualität, ohne das Vermögen unnötig zu strapazieren. Fixe Regeln schaffen Orientierung, dynamische Anpassungen sorgen für Robustheit. Wer Anlageklassen bewusst kombiniert, das Sequenzrisiko adressiert und Kosten sowie Steuern im Blick behält, erhöht die Chance, dass das Portfolio die Jahre nach der Erwerbsphase nicht nur übersteht, sondern trägt.

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