ESG, SRI, Impact: Begriffe richtig einordnen
Nachhaltigkeit ist im Mainstream angekommen, doch die Begriffe bleiben unscharf. ESG, SRI und Impact werden oft synonym verwendet, obwohl sie unterschiedliche Ziele, Werkzeuge und Messgrössen haben. Wer die Differenzen versteht, reduziert Fehlallokationen, erkennt Greenwashing und verankert Nachhaltigkeit kohärent über Anlageklassen hinweg – von Aktien über Unternehmensanleihen bis zu Private Markets und Real Assets.
Was ESG ist – und was nicht
ESG bezeichnet primär die systematische Berücksichtigung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren in der Finanzanalyse. Das Ziel ist risikoadjustierte Rendite: ESG als Informationsvorsprung, nicht als Werturteil. Materiale Faktoren – etwa CO₂-Preise, Lieferkettenrisiken oder Governance-Qualität – können Cashflows, Kapitalkosten und Bewertungen bewegen. ESG-Integration ist damit ein Analyseansatz, kein Gütesiegel und auch kein Versprechen realer Wirkung in der realen Welt.
Die Praxis ist heterogen. Rating-Agenturen gewichten Faktoren unterschiedlich, Daten beruhen teils auf Schätzungen, insbesondere bei Scope-3-Emissionen. Divergenzen zwischen ESG-Ratings sind verbreitet und spiegeln Methodik statt „Wahrheit“. Für Anleger bedeutet das: Verstehen, welche Indikatoren, Zeiträume und Gewichtungen ein Anbieter nutzt, ist wichtiger als der eine Score.
Die Performance-Frage bleibt kontextabhängig. Metastudien, etwa von akademischen Teams rund um NYU Stern, finden keine pauschale Überrendite, aber Hinweise, dass gut gemanagte Nachhaltigkeitsrisiken Drawdowns dämpfen können. Stil-Tilts – etwa zu grösseren, kapitalintensiven, emissionsärmeren Sektoren – erklären einen Teil der Ergebnisse. Entscheidend ist die Verknüpfung von ESG-Signalen mit Bewertung, Qualitätsmerkmalen und Kapitalallokation.
Daten, Ratings und Greenwashing-Risiko
Die Transparenz verbessert sich. Die neuen ISSB-Standards (IFRS S1/S2) und TCFD-orientierte Klimaberichte erhöhen Vergleichbarkeit. In der Schweiz stärkt der Bundesrat klimabezogene Berichterstattung, während die Swiss Climate Scores Orientierung zur Kompatibilität mit Netto-Null geben. In der EU verschärfen SFDR und Taxonomie die Offenlegung. Dennoch bleibt Interpretationsspielraum, den Anbieter für Marketing nutzen könnten. Eine klare Trennung zwischen Marketingbehauptungen und offengelegten Methodiken bleibt zentral – ebenso unabhängige Prüfung und schlüssige Metriken über Zeit.
SRI und Impact: Werte, Wirkung, Messbarkeit
Socially Responsible Investing (SRI) zielt vor allem auf Werteausrichtung. Klassische Instrumente sind Ausschlüsse (z. B. Waffen, Kohle), Normen- und Kontroversen-Screens sowie Best-in-Class-Ansätze innerhalb von Sektoren. Das Portfolio soll mit definierten Normen kompatibel sein; reale Wirkung ist nicht zwingend Zielgrösse. SRI kann Tracking-Fehler und Sektorverschiebungen erzeugen, was Anleger bewusst adressieren sollten.
Impact Investing geht weiter. Drei Elemente sind konstitutiv: Intentionalität (klar definierte beabsichtigte Wirkung), Additionalität (ein Beitrag, der ohne das Kapital nicht oder später entstanden wäre) und Messbarkeit (nachvollziehbare, auditierbare Kennzahlen). In gelisteten Märkten entsteht Impact oft über aktives Engagement, Kapitalallokation zu Emittenten mit ehrgeizigen Transformationsplänen oder über zweckgebundene Instrumente wie Green Bonds. In Private Markets sind zusätzliche Wirkungspfade möglich, etwa durch Wachstumsfinanzierung von Klimatechnologien, sozialer Infrastruktur oder bezahlbarem Wohnraum.
Messung ist anspruchsvoll. Output-Metriken (installierte MW Solar) sind nicht gleich Outcome (tatsächlich vermiedene Emissionen) oder Impact (Nettoeffekt relativ zu einem Basisszenario). Rahmenwerke wie IRIS+ (GIIN) und das Impact Management Project liefern Taxonomien und Prinzipien. Für gelistete Strategien bleiben Attribution und Kausalität heikel: Der Primärmarktbezug, die Engagement-Logik und die Glaubwürdigkeit der Transition-Pläne sind kritische Prüfsteine.
Regulierung als Kompass – kein Qualitätssiegel
Regeln ordnen den Markt, ersetzen aber nicht die Due Diligence. Die EU-SFDR unterscheidet Offenlegungskategorien (Artikel 6, 8, 9); sie klassifizieren Produkte nach Nachhaltigkeitsmerkmalen bzw. -zielen, sind aber keine Rendite- oder Qualitätssiegel. Die EU-Taxonomie definiert, welche wirtschaftlichen Aktivitäten ökologisch nachhaltig sind, inklusive „Do no significant harm“ und Mindestschutz. MiFID-II-Vorgaben verlangen, Nachhaltigkeitspräferenzen in die Geeignetheit einzubeziehen.
In der Schweiz hat die FINMA Leitplanken gegen Greenwashing gesetzt, und die Asset Management Association Switzerland (AMAS) veröffentlichte Selbstregulierung zu ESG im Asset Management. Die Swiss Climate Scores schaffen Transparenz entlang Emissionen, Temperaturausrichtung und Managementplänen. Für global investierende Portfolios bleibt die Koexistenz mehrerer Regime Realität. Einheitliche ISSB-Standards können Brücken schlagen, doch die Umsetzung über Anlageklassen und Rechtsräume hinweg braucht Zeit.
Praxisrelevant sind die Nuancen je Anlageklasse. Bei Anleihen unterscheiden sich Green Bonds mit zweckgebundenem Mitteleinsatz von Sustainability-Linked Bonds, die zielabhängige Coupons haben, aber Mittel nicht zwingend zweckbinden. In Aktienportfolios ist Stewardship zentral: qualitätsvolles, eskalierendes Engagement kann Transformationspfade beeinflussen, während pauschale Desinvestitionen die Eigentümerwirkung beschneiden. In Private Equity, Infrastruktur und Immobilien sind technische Due Diligence, Capex-Pläne und Messbarkeit entlang Lebenszyklus-Emissionen Schlüsselfaktoren.
Wer die Begriffe trennt, schärft Ziele: ESG als Analysewerkzeug, SRI als Wertefilter, Impact als wirkungsorientierte Kapitalallokation. Damit wird klar, welche Erwartungen realistisch sind – für Risiko, Rendite und Wirkung. Dieser Beitrag bietet Einordnung und ersetzt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Entscheidend bleibt, Methodik, Datenquellen und Governance eines Produktes zu verstehen und sie mit eigenen Zielen und Restriktionen in Einklang zu bringen.
Weitere Artikel zu ESG
ESG
Stimmrechte und Engagement: Wirkung jenseits der Schlagzeilen
Stimmrechte & Engagement sind zentrale Hebel für Aktionärinnen. Wie die Stimme an der GV, Dialog und Standards tatsächlich wirken – und wo Grenzen liegen.
ESG
Greenwashing erkennen: einfache Checks für Anleger
Greenwashing vernebelt ESG-Anlagen. Mit wenigen, praxistauglichen Checks prüfen Sie Fonds, Anleihen und Produkte – ohne Spezialwissen, aber faktenbasiert.
ESG
CO₂-Fussabdruck im Portfolio messen: Methodik und Tücken
Wie sich der CO₂-Fussabdruck im Portfolio sauber messen lässt – von WACI bis PCAF – und wo Datenfallen lauern. Ein Leitfaden für informierte Anleger:innen.