ETF vs. aktiver Fonds: was in der Praxis zählt
Die Debatte ETF vs. aktiver Fonds ist älter als viele Indizes. Sie ist auch 2025 keine Glaubensfrage, sondern eine nüchterne Abwägung von Kosten, Umsetzbarkeit, Marktstruktur und Governance. Daten sprechen eine klare Sprache: Über lange Zeiträume schlagen kostengünstige, breit diversifizierte ETFs die Mehrheit aktiver Produkte nach Gebühren. Doch absolute Gewissheiten gibt es nicht. In weniger effizienten Segmenten, bei bestimmten Risikobudgets oder mit ausgewiesenen Spezialisten kann aktives Management Mehrwert stiften.
Für Schweizer Anlegerinnen und Anleger kommen regulatorische Verpackung (UCITS), steuerliche Quellenabzüge auf Fondsebene sowie die Marktmikrostruktur in Zürich und an den europäischen Handelsplätzen hinzu. Wer den Unterschied verstehen will, muss hinter die Total Expense Ratio blicken und die Qualität der Umsetzung messen.
Kosten, Liquidität und Tracking – die Mechanik
Der sichtbarste Vorteil von ETFs sind die Gebühren. Grosse Indexfonds auf liquide Benchmarks kosten heute häufig 0,05–0,30 % pro Jahr, während aktive Aktienfonds in Standardsegmenten nicht selten 0,80–1,50 % verlangen. Entscheidend ist jedoch die Total Cost of Ownership: Neben der TER zählen die Geld-/Brief-Spanne, implizite Handelskosten, die Tracking Difference (Abweichung zur Benchmark nach allen Effekten) und mögliche Steuern auf Fondsebene.
Die Tracking Difference ist der Lackmustest. Sie weicht von der TER ab, weil Wertpapierleihe-Erlöse, Replikationsmethode (physisch vs. synthetisch), Rebalancing-Frequenz, Quellensteuern und Barbestände hineinspielen. Bei grossen UCITS-ETFs auf entwickelte Aktienmärkte liegt die langjährige Tracking Difference oft nur wenige Basispunkte unter oder über der TER – ein Zeichen effizienter Umsetzung. In Nischenindizes mit geringer Liquidität können Abweichungen deutlich grösser sein.
Liquidität ist zweistufig. Primärmarkt-Liquidität entsteht durch Creation/Redemption mit autorisierten Teilnehmern und hängt vom Underlying ab. Sekundärmarkt-Liquidität zeigt sich im Spread des ETF an der Börse. Für breite Indizes ist der ETF meist so liquide wie sein Indexkorb; in Randzeiten oder Stressphasen weiten sich Spreads aber aus. Aktive Fonds handeln ausschliesslich zum Nettoinventarwert; die Ausführungskosten stecken in der Performance und bleiben weniger transparent. Cash-Quoten im aktiven Fonds – etwa zur Liquiditätssteuerung – mindern in Aufschwüngen die Rendite und wirken in Abwärtsphasen stabilisierend. Diese Cash- und Handelsentscheidungen sind Teil der aktiven Wette.
Regulatorisch bieten UCITS-Fonds – ob aktiv oder passiv – strenge Diversifikations- und Anlegerschutzstandards. Für Schweizer Privatanleger relevant sind zudem Quellensteuern auf Dividenden innerhalb des Fondsvehikels. Irland-domizilierte UCITS-ETFs auf US-Aktien profitieren typischerweise von 15 % Quellensteuer auf US-Dividenden, während die effektive Belastung bei anderen Domizilen variieren kann. Solche Unterschiede wirken direkt in die Tracking Difference hinein. Es handelt sich dabei nicht um individuelle Steuerberatung, sondern um Strukturmerkmale, die in Faktenblättern und Jahresberichten nachvollzogen werden sollten.
Wo aktives Management lohnt – und wo nicht
Die Evidenz ist robust: Laut SPIVA-Europe-Scorecards unterperformt die Mehrzahl aktiver Fonds ihre Benchmarks über 5–10 Jahre nach Kosten. Das Morningstar Active/Passive Barometer kommt regelmässig zu ähnlichen Ergebnissen, mit Erfolgsquoten aktiver Manager weit unter 50 % in grossen, effizienten Märkten. ESMA weist zudem in ihren Berichten zu Kosten und Performance darauf hin, dass Gebühren der stärkste planbare Renditetreiber sind – nach oben wie nach unten.
Doch Durchschnittswerte verschleiern Streuungen. In weniger effizienten Segmenten – etwa Small Caps, Teile der Schwellenländer, Kreditmärkte mit Illiquidität und komplexen Emissionsstrukturen – ist die aktive Opportunity-Set grösser. Hier können Research, Informationsvorsprünge und flexible Liquiditätssteuerung Wert schaffen. Auch stark konzentrierte Heimatmärkte wie der Schweizer Bluechip-Index, der von wenigen Schwergewichten geprägt ist, eröffnen aktiven Managern die Chance, Klumpenrisiken bewusst anders zu gewichten. Das setzt allerdings disziplinierte Prozesse, Kapazitätsmanagement und eine klare Definition des Risiko- und Tracking-Error-Budgets voraus.
Stimmrechte und Stewardship als oft übersehener Hebel
Ein weiterer Unterschied liegt in der Ausübung von Stimmrechten und im Engagement. Grosse ETF-Anbieter üben Stimmrechte skaliert aus und veröffentlichen ihre Abstimmungspolitik. Aktive Manager können gezielter engagieren, weil sie konzentrierter investiert sind und Unternehmen besser kennen. Für Anlegerinnen und Anleger mit ESG-Prioritäten ist die Qualität des Stewardship-Prozesses ein legitimes Entscheidungskriterium – unabhängig davon, ob der Fonds aktiv oder passiv ist. Entscheidend sind Transparenz, Ressourcen und die nachweisliche Wirkung, nicht das Label.
Unter dem Strich bleibt Timing-Risiko: Die Auswahl eines künftigen Outperformers ist anspruchsvoll. Persistenz von Überrenditen ist laut akademischer Forschung und Branchenstudien begrenzt. Ein regelbasierter Kern aus ETFs, flankiert von klar begründeten aktiven Satelliten, wird deshalb oft als robustes Gerüst diskutiert – ohne Anspruch auf Universallösung.
Fazit: ETF vs. aktiver Fonds ist kein Entweder-oder, sondern eine Frage der Passung zu Zielen, Horizont und Risikobudget. Kosten, Tracking Difference, Liquidität und Governance sind messbar und sollten den Ausschlag geben – nicht Marketingversprechen. Wer aktiv wählt, sollte die Managerselektion genauso streng betreiben wie die Aktienselektion: Prozess, Gebühren, Kapazität, Anreize und ein realistisches Tracking-Error-Budget. Wer passiv wählt, sollte auf Indexqualität, Replikationsmethode, Domizil, Steuereffekte und Handelbarkeit achten. Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung; er ersetzt nicht die eigene Prüfung der Unterlagen und Risiken.
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