Indexierung verstehen: Wie ETFs Indizes abbilden
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Indexierung verstehen: Wie ETFs Indizes abbilden

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Indexierung prägt das Anlegen: ETFs bilden Indizes physisch oder synthetisch ab. Wie Replikation, Kosten und Tracking Difference zusammenspielen – erklärt.

Indexierung hat das Anlegen weltweit geprägt. ETFs sind ihr effizientestes Vehikel: transparent, kostengünstig, liquide. Doch hinter der scheinbar simplen Idee, «den Markt» zu kaufen, steht präzise Ingenieursarbeit. Wer versteht, wie ETFs Indizes abbilden, kann Kosten, Risiken und Abweichungen besser einordnen – und erwartet die richtige Performance am richtigen Ort.

Physisch oder synthetisch: Replikationswege

Physisch replizierende ETFs kaufen die Titel des Zielindex. Bei einer engen Benchmark wie dem SMI ist die volle Nachbildung gut machbar. Bei breiten Indizes mit Tausenden von Titeln wird es aufwendig. Anbieter nutzen dann Sampling: Sie wählen ein repräsentatives Portfolio, das die Risikofaktoren und Sektor-/Länderstruktur des Index abbildet. Sampling senkt Handels- und Transaktionskosten, bringt aber ein minimales Mehr an Abweichung gegenüber dem Index.

Volle Nachbildung und Sampling

Volle Nachbildung reduziert das Modellrisiko, erhöht aber die operativen Kosten, etwa bei Rebalancings und Dividendenbewirtschaftung. Sampling spart diese Kosten teilweise ein, setzt dafür auf quantitative Modelle. Gerade in illiquiden Segmenten kann Sampling stabiler sein, weil es teure Kleintitel meidet. Seriöse Anbieter legen offen, ob sie voll replizieren oder sampeln, und wie stark das Sampling ist. Regelwerke wie UCITS verlangen zudem Diversifikations- und Risikogrenzen, welche die Portfoliozusammensetzung steuern.

Swap-basierte ETFs

Synthetische Replikation erreicht die Indexrendite über einen Tauschvertrag (Swap) mit einer Bank. Das ETF-Portfolio hält Sicherheiten, der Swap liefert die Indexperformance. Diese Bauweise eignet sich für Märkte, die physisch schwer zugänglich sind, oder für Rohstoff- und Nischenstrategien. Das Kontrahentenrisiko wird durch Besicherung und UCITS-Limiten begrenzt; die zulässige Netto-Exponierung je Gegenpartei ist eng reglementiert. Studien von ESMA und Zentralbanken betonen, dass die Qualität und tägliche Bewertung der Collateral-Assets zentral ist. Für Anlegerinnen und Anleger zählt: Transparenz über Swap-Struktur, Gegenparteien, Collateral und die tägliche Besicherungsquote.

Tracking Difference ist wichtiger als die TER

Die Total Expense Ratio (TER) ist nur der Anfang. Entscheidend ist die Tracking Difference, also die tatsächliche Abweichung zwischen ETF-Rendite und Indexrendite über die Zeit. Sie umfasst nebst der TER auch Handelskosten, Steuern, Wertpapierleiheerträge, Cash-Drag und Rebalancing-Slippage. Ein ETF mit tiefer TER kann eine schwächere Tracking Difference haben als ein teureres Pendant, wenn etwa Quellensteuern nicht optimal gemanagt werden oder Rebalancings kostenintensiv sind.

Viele Indizes existieren als Preis-, Brutto- und Netto-Gesamtertragsvariante. ETFs referenzieren oft den Netto-Gesamtertragsindex (nach pauschalen Quellensteuern). Das erklärt Leistungsunterschiede zur Preisvariante, die Dividenden ignoriert. Steuerabkommen und Fondsdomizil (häufig Irland oder Luxemburg) beeinflussen die effektive Steuerbelastung und damit die Tracking Difference. Diese Effekte sind kein Mangel, sondern Teil der Funktionsweise. Anbieterunterlagen und Berichte von Datenhäusern wie Morningstar liefern konsistente, vergleichbare Kennzahlen.

Wichtig ist zudem der Tracking Error, die Volatilität der Abweichung. Physische und synthetische Verfahren können beide eng am Index bleiben, unterscheiden sich aber in der Verteilung ihrer Fehlerquellen: Physisch dominiert Handels- und Liquiditätskosten, synthetisch das Residualrisiko des Swaps. Empirie von S&P Dow Jones Indices (SPIVA) erklärt den Erfolg der Indexierung über Jahre: Die Mehrheit aktiver Fonds unterperformt nach Kosten. Für ETF-Vergleiche innerhalb einer Kategorie ist hingegen die beobachtete Tracking Difference die robustere Kennzahl.

Liquidität, Kosten und Governance

ETFs sind so liquide wie der zugrunde liegende Korb. Das Sekundärmarkt-Volumen an der Börse ist nur ein Teilbild. Entscheidender ist der Primärmarkt, in dem autorisierte Marktteilnehmer (APs) ETF-Anteile gegen den Titelkorb erschaffen oder zurückgeben. Dieses Creation- und Redemption-Mechanismus verankert den ETF-Preis am Nettoinventarwert. In stressigen Phasen kann der Spread steigen, der Mechanismus blieb in vergangenen Episoden jedoch funktionsfähig, wie Untersuchungen der BIS und der ESMA zeigen. Für illiquidere Anleihenindizes dient der ETF-Preis oft als zeitnaher Indikator, während die Einzeltitel träge quotiert werden.

Kosten entstehen nicht nur aus der TER. Rebalancings verursachen Market-Impact, besonders bei Indizes mit festen Stichtagen. Anbieter reduzieren dies durch vorausschauende Umsetzung, Derivateabsicherung oder Teilnahme an Auktionen. Wertpapierleihe kann die Netto-Kosten senken, wenn Leiheinnahmen sauber an den Fonds zurückfliessen. Hier zählt die Governance: klare Aufteilung der Erträge zwischen Anlegern und Anbieter, konservative Gegenparteienauswahl und hohe Transparenz. Regelberichte und Prüfungen durch die Depotbank sind ein Qualitätsmerkmal.

Schliesslich zählt die Indexqualität. Regulatorisch robuste Indizes haben klare, regelbasierte Aufnahme- und Rebalancingkriterien, handhabbare Turnover und nachvollziehbare Corporate-Action-Regeln. Ein breit gestreuter, gut konstruierter Index ist die halbe Miete; die andere Hälfte ist die saubere, kosteneffiziente Umsetzung durch den ETF. Branchenquellen wie ETFGI beziffern die globalen ETF-Vermögen mittlerweile auf über USD 11'000 Mrd., getrieben von Transparenz und Skaleneffekten. Das Wachstum erhöht den Wettbewerb – und drückt langfristig die Kosten, ohne die Bedeutung von Auswahlkriterien wie Tracking Difference, Liquiditätsmanagement und Governance zu mindern.

Fazit: Indexierung ist einfach in der Idee, anspruchsvoll in der Umsetzung. Wer beim ETF über Replikationsmethode, Indexvariante, Tracking Difference und Prozessqualität nachdenkt, trifft fundiertere Entscheidungen. Dieser Beitrag ist eine allgemeine Einordnung und keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.

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