Irland oder Luxemburg? ETF-Domizile im Fokus für Schweizer
Wer in Europa ETFs kauft, investiert fast immer in Vehikel, die in Irland oder Luxemburg domiziliert sind. Beide Jurisdiktionen prägen den UCITS-Markt seit Jahren, beide bieten robuste Regulierung und Anlegerschutz. Für Schweizer Anleger:innen stellt sich dennoch eine zentrale Frage: Macht das Domizil einen messbaren Unterschied in der Nettorendite? Die kurze Antwort: Bei US-Aktien ja, oft deutlich. Bei vielen anderen Anlageklassen überwiegen praktische Kriterien. Die lange Antwort erfordert einen Blick in die Steuermaterie auf Fondsebene und in die Praxis der Anbieter.
Steuern auf Fondsebene: der entscheidende Hebel
Der grösste Hebel liegt bei der Quellensteuer, die auf Dividenden im Fondsportfolio anfällt. Entscheidend ist, ob das Fondsdomizil aus Sicht des Quellenstaats einen reduzierten Satz beanspruchen kann. Irische UCITS-Fonds profitieren bei US-Dividenden in der Regel vom Doppelbesteuerungsabkommen USA–Irland und zahlen auf Portfolioebene 15 % statt der US-Standardsätze von 30 %. In Luxemburg domizilierte UCITS können diese Reduktion auf Fondsebene typischerweise nicht oder nur eingeschränkt geltend machen; bei physischer Replikation fällt auf US-Dividenden daher häufig effektiv 30 % Quellensteuer an. Das bestätigen Anbieterunterlagen grosser Häuser und Analysen von Morningstar sowie Steuerreports von PwC.
Der Effekt ist kein akademisches Detail. Angenommen, der US-Aktienmarkt liefert eine Dividendenrendite von 1,6 %. Bei 15 % Quellensteuer beträgt der jährliche „Tax Drag“ rund 0,24 Prozentpunkte; bei 30 % sind es etwa 0,48 Prozentpunkte. Die Differenz von rund 0,24 Prozentpunkten pro Jahr kumuliert sich über die Zeit und zeigt sich als systematische Tracking-Differenz zwischen ansonsten vergleichbaren Indizes. Daten in Factsheets und Langfristvergleichen der Anbieter untermauern diese Grössenordnung regelmässig.
Bei Anleihen ist der Unterschied weit kleiner. Zinszahlungen vieler Emittenten, insbesondere aus den USA, unterliegen für Fonds oft keiner oder nur geringer Quellensteuer. Für europäische Aktien sind die Abkommen beider Domizile ähnlich, die effektive Reduktion hängt jedoch stark vom jeweiligen Quellenstaat und der operativen Umsetzung ab. Der strukturelle Vorteil Irlands ist damit vor allem ein US-Aktien-Thema.
Ein Sonderfall sind synthetische ETFs. Einige in Luxemburg domizilierte Produkte nutzen Swaps, um den US-Steuerabzug zu umgehen und so die Nettorendite zu erhöhen. Das kann effektiv sein, bringt aber Kontrahenten- und Strukturkomplexität mit sich, inklusive potenzieller 871(m)-Themen auf US-Derivate. Ob sich diese Pfade lohnen, ist eine Frage des konkreten Produkts, der Kosten und der internen Governance. iShares, Vanguard und andere bieten für breite US-Indizes mehrheitlich physische, in Irland domizilierte UCITS, gerade wegen der robusten Steuerposition.
Praxis für Schweizer Anleger:innen
Auf Anlegerebene behalten sowohl Irland als auch Luxemburg keine Quellensteuer auf Fondsausschüttungen an Schweizer Steuerinländer:innen ein. Ausschüttungen fliessen somit brutto, sind in der Schweiz als Einkommen steuerbar. Der auf Portfolioebene erhobene ausländische Steuerabzug lässt sich für Anleger:innen nicht nachträglich via DA-1 geltend machen, weil er bereits im Fonds angefallen ist. Genau hier wirkt der irische Vorteil bei US-Dividenden.
Wichtig für die Steuererklärung ist, dass der ETF im steuerlichen Kursregister der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) geführt wird. Grosse Anbieter lassen ihre Fonds regelmässig erfassen, unabhängig vom Domizil. Damit liegen amtliche Steuerwerte und die Aufteilung der Erträge vor. Ob ausschüttend oder thesaurierend, Irland oder Luxemburg: Für die schweizerische Deklaration ist die ESTV-Publikation der entscheidende praktische Punkt, nicht das Domizil.
Im Handel spielt das Domizil kaum eine Rolle. Viele UCITS-ETFs sind an der SIX in CHF kotiert, parallel in EUR oder USD an anderen Börsen. Liquidität, Spreads und replizierte Indizes variieren stärker zwischen Anbietern als zwischen Domizilen. Kostenseitig sind die laufenden Gebühren vergleichbar; der TER-Unterschied ist selten domizilbedingt. Die steuerliche Nettorendite bei US-Aktien ist daher ein separater, nicht im TER sichtbarer Baustein der Gesamtkosten.
Kosten, Regulierung und Risiken im Vergleich
Regulatorisch gelten für beide Domizile die UCITS-Standards mit strengen Anforderungen an Diversifikation, Verwahrung und Berichterstattung. Die Aufsicht liegt bei der Central Bank of Ireland (CBI) und der CSSF in Luxemburg, beide mit langer ETF-Erfahrung. Rechtlich sind Fondsvermögen als Sondervermögen geschützt, das Trennungsprinzip ist etabliert. ESG-Offenlegung nach SFDR ist gleicherweise implementiert; Unterschiede ergeben sich aus der Umsetzung der einzelnen Anbieter, nicht aus dem Domizil.
Kosten und Erträge ausserhalb der Steuerfrage hängen von fundseigenen Faktoren ab: Qualität der Indexreplikation, Wertpapierleiheerträge, Swap-Kosten, Tracking-Disziplin. Anbieter wie iShares, Vanguard, SPDR, UBS und Xtrackers veröffentlichen detaillierte Tracking-Differenzen und Steuerannahmen in Factsheets und Jahresberichten; eine Prüfung lohnt sich mehr als ein pauschaler Domizilreflex.
Bleiben die Risiken von Regimewechseln. Steuerabkommen können sich ändern, operative Anleitungen der US-Behörden ebenso. Bislang hält der irische Vorteil bei US-Dividenden, und er erklärt, weshalb ein Grossteil der grossvolumigen US-Aktien-UCITS in Irland domiziliert ist. Für andere Bausteine – Europa, globale Aggregate-Anleihen, thematische Nischen – sind die Unterschiede zumeist marginal, sodass Verfügbarkeit, Produktarchitektur und Handelbarkeit überwiegen.
Fazit ohne Rezept: Für US-Aktien spricht viel für irische UCITS mit physischer Replikation. In den meisten übrigen Segmenten ist das Domizil ein Nebengeräusch. Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Er skizziert die zentralen Mechanismen, damit informierte Anleger:innen die Produktunterlagen und Steuerreports – etwa von Morningstar, PwC, iShares, Vanguard sowie die ESTV-Listen – gezielter lesen können.
Weitere Artikel zu ETF & Fonds
ETF & Fonds
Aktien, Fonds oder ETF: So wählen Sie das passende Vehikel
Direktaktie, aktiver Fonds oder ETF? Der Vergleich zeigt Unterschiede bei Kosten, Risiko, Liquidität und Steuern – und hilft, das passende Vehikel zu wählen.
ETF & Fonds
Was ist ein ETF? – einfach erklärt
Was ist ein ETF? Der indexnahe Fonds kombiniert Börsenhandel mit breiter Diversifikation. So funktionieren Aufbau, Kosten, Liquidität und Risiken – kompakt.
ETF & Fonds
ETF-Wertpapierleihe: Erträge, Risiken und Transparenz
ETF-Wertpapierleihe kann die Tracking-Differenz verbessern, birgt aber Kontrahenten- und Kollateralrisiken. Wie Erträge entstehen und worauf Anleger achten.