KID richtig lesen: die drei Kernzahlen
Das Key Information Document (KID) – in der Schweiz als Basisinformationsblatt gemäss FIDLEG bekannt – soll komplexe Produkte verständlich machen. Drei Kennzahlen stechen dabei heraus, weil sie in wenigen Sekunden einordnen, was ein Produkt leisten kann und wo die Risiken liegen: der Risikoindikator, die Kosten als Reduction in Yield (RIY) und die Renditen in den Szenarien. Wer diese Grössen sauber liest, vermeidet Fehlinterpretationen und setzt Marketingzahlen den richtigen Kontext. Das ist umso wichtiger, als die Methodik seit 2023 EU-weit harmonisiert ist und die Schweiz diese Standards faktisch übernimmt.
Risiko auf einen Blick: der SRI von 1 bis 7
Der zusammenfassende Risikoindikator (Summary Risk Indicator, SRI) ordnet ein Produkt auf einer Skala von 1 (niedrig) bis 7 (hoch) ein. Dahinter steckt eine zweistufige Methodik der PRIIPs-Regeln: Zuerst wird der Marktrisiko-Massstab bestimmt, der die Schwankungsanfälligkeit des Produkts anhand einer VaR-äquivalenten Volatilität einstuft. Danach kommt ein Kreditrisiko-Mass hinzu, das die Ausfallwahrscheinlichkeit des Emittenten abbildet – wichtig bei strukturierten Produkten oder Zertifikaten. Der SRI ist letztlich der höhere der beiden Werte. So erhalten Anlegerinnen eine knappe, standardisierte Risikozahl.
Doch die Zahl ist kein Orakel. Sie aggregiert Vergangenheitsdaten und modellierte Annahmen und ist damit blind für Brüche, illiquide Phasen oder Strukturbrüche in Regimen. Ein Staatsanleihenfonds konnte 2021 sehr tief eingestuft sein und 2022 dennoch scharf fallen – weil Zinsen sprunghaft stiegen. Der SRI ist zudem produktübergreifend nur bedingt vergleichbar: Bei einem passiven Aktien-ETF dominiert das Marktrisiko; bei einem Kapitalgarantie-Produkt kann ein niedriger Marktrisikoblock das Kreditrisiko des Emittenten überdecken. In der Schweiz gelten nach FIDLEG/FIDLEV die gleichen inhaltlichen Anforderungen an das Basisinformationsblatt, weshalb der SRI hiesigen Privatanlegern ein brauchbarer, aber kein hinreichender Risikomass bleibt.
Kosten, die die Rendite schmälern: RIY statt TER
Stärker unterschätzt als der SRI sind die Kosten. Das KID weist sie als Reduction in Yield (RIY) aus – also als Renditereduktion pro Jahr über die empfohlene Haltedauer. Die Zahl bündelt einmalige Kosten (z. B. Ausgabeaufschläge), laufende Kosten (Verwaltung, Betrieb) und gegebenenfalls «incidental» Gebühren wie Performance Fees sowie Transaktionskosten. Ausgewiesen werden Prozentwerte und meist auch absolute Beträge in der Zeichnungswährung. Der Unterschied zur vertrauten TER eines Fonds ist zentral: RIY ist ein Anleger:innen-mass, das sämtliche in der PRIIPs-Methodik erfassten Kosten auf die Rendite wirkt und die Haltedauer explizit einbezieht. TER/OCF blendet Transaktionskosten und erfolgsabhängige Gebühren oft aus.
Worauf ist zu achten? Erstens auf die Haltedauer. Die RIY eines Produkts mit hoher Einmalgebühr wirkt im ersten Jahr schmerzhaft, verteilt sich aber über fünf Jahre. Zweitens auf die Transaktionskosten: Die PRIIPs-Regeln verwenden die sogenannte Arrival-Price-Methode, die Markt-Impact und Spreads abbildet. Das kann bei sehr liquiden ETFs temporär sogar zu negativen Transaktionskosten führen, was kontraintuitiv wirkt. Drittens auf Performance Fees: Sie sind szenarioabhängig und können die effektive Belastung markant erhöhen. Steuern sind im KID nicht enthalten, ebenso wenig individuelle Depotgebühren; das KID vergleicht Produktkosten, nicht Ihre Bankkonditionen.
Empfohlene Haltedauer und Szenarien: Kontext statt Prognose
Die dritte Orientierungshilfe sind die Szenarien – stressig, ungünstig, moderat, günstig – sowie die empfohlene Haltedauer (Recommended Holding Period, RHP). Die Szenariozahlen zeigen erwartete Ergebnisse nach Kosten am Ende der RHP und auf kürzeren Zeithorizonten. Methodisch basieren sie auf historischen Daten oder modellierten Pfaden gemäss den Technischen Regulierungsstandards. Sie sind ausdrücklich keine Prognosen; sie illustrieren, wie das Produkt unter verschiedenen Marktbedingungen abschneiden könnte.
Genau hier lauern Missverständnisse. In langen Haussephasen wirken «moderate» Szenarien zu optimistisch; nach Crashs sehen sie zu düster aus. Deshalb wurde die Berechnung per 2023 rekalibriert, um Überschiessen zu dämpfen. Dennoch gilt: Szenarien liefern Kontext, keine Versprechen. Bei strukturierten Produkten machen sie die Auszahlungslogik greifbar, inklusive Barrieren oder Kapitalgarantien. Bei offenen Fonds helfen sie, die Spannbreite der Resultate zu internalisieren und die RHP ernst zu nehmen. Diese wird vom Hersteller definiert und soll die typische Haltedauer widerspiegeln, in der die Merkmale des Produkts sinnvoll zur Geltung kommen. Wer deutlich kürzer oder länger plant, sollte die entsprechenden Szenariozeilen im KID genauer lesen und die höhere Unsicherheit mitdenken.
Was heisst das für die Praxis? Lesen Sie den SRI als Türöffner, nicht als Endpunkt. Prüfen Sie die RIY im Verhältnis zur Strategie und zur RHP; hohe Komplexität rechtfertigt nicht automatisch hohe Gebühren. Und nehmen Sie die Szenarien als Bandbreite, die Sie mit Ihrer eigenen Risikotragfähigkeit abgleichen. Emittenten- und Währungsrisiken, die im SRI oder in den Szenarien nicht voll sichtbar sind, verlangen zusätzliche Aufmerksamkeit im Textteil des KID.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar.
Quellen: EU PRIIPs RTS (2021/2268); ESMA PRIIPs Q&A; FINMA-Informationen zu FIDLEG; Bundesinfo zu FIDLEG/FIDLEV.
Weitere Artikel zu Gebühren & Transparenz
Gebühren & Transparenz
Vermögensverwaltung: Welche Gebühren wirklich anfallen
Vermögensverwaltung kostet mehr als eine Management Fee. Welche Gebühren fallen an – von Depot und Transaktionen bis TER, Performance Fee, Währung.
Gebühren & Transparenz
Steuern und Stempelabgaben auf Wertschriften in der Schweiz
Steuern und Stempelabgaben prägen die Nettorendite von Wertschriften in der Schweiz. Ein nüchterner Überblick über Verrechnungssteuer, Einkommen, Vermögen und Stempel.
Gebühren & Transparenz
Währungswechsel-Kosten: so reduzieren Anleger sie wirklich
Schweizer Anleger zahlen oft zu viel für Währungswechsel-Kosten. Der Artikel zeigt, wo Spreads und Gebühren lauern – und wie sich die Ausgaben senken lassen.