Krypto-ETPs an der SIX: Funktionsweise und Verwahrung
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Krypto-ETPs an der SIX: Funktionsweise und Verwahrung

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Krypto-ETPs an der SIX bieten Exchange-Zugang zu Bitcoin & Co. Der Beitrag erklärt Struktur, Handel und Verwahrung – und welche Risiken bleiben.

Die Schweiz hat sich als regulierter Umschlagplatz für Krypto-Anlagen etabliert. An der SIX sind inzwischen über hundert Krypto-ETPs kotiert, von Bitcoin und Ether bis zu thematischen Baskets. Der Reiz liegt im bekannten Börsenformat: zentrale Verwahrung, Market Maker, Intraday-Handel, ein Prospekt nach FIDLEG sowie ein Basisinformationsblatt. Doch die Verpackung schafft neue Fragen: Wie funktionieren diese Produkte rechtlich und operativ? Und wer verwahrt die digitalen Vermögenswerte, die sie absichern?

Was steckt rechtlich und operativ hinter Krypto-ETPs?

Krypto-ETPs sind in der Schweiz börsengehandelte Schuldverschreibungen, keine Fonds. Sie bilden die Wertentwicklung eines oder mehrerer Krypto-Assets ab. Anders als ETFs unterliegen sie nicht den kollektivanlagerechtlichen Diversifikationsregeln, dafür arbeiten seriöse Emittenten mit einer vollumfänglichen Hinterlegung des Underlyings. Praktisch bedeutet das: Für jede ausgegebene ETP-Stückzahl wird eine entsprechende Menge Coins bei einem unabhängigen Verwahrer gehalten und zugunsten der Investoren an einen Sicherheitentreuhänder verpfändet. Der Emittent bleibt als Zweckgesellschaft Schuldner, reduziert aber mit der Besicherung das Ausfallrisiko. Dieses Konstrukt ist in den Emissionsunterlagen nachvollziehbar – die SIX prüft die Einhaltung der Listing-Regeln, während ein genehmigter Prospekt nach FIDLEG die Offenlegung strukturiert.

Die Preisbildung erfolgt über Referenzindizes anerkannter Anbieter, etwa CF Benchmarks, Kaiko oder MVIS. Viele ETPs publizieren einen iNAV, damit Händler den fairen Wert intraday einschätzen können. Autorisierte Teilnehmer schaffen oder lösen Anteile durch Einbringung beziehungsweise Entnahme des Underlyings gegen ETPs; Privatanleger handeln an der Börse gegen Market Maker, die enge Geld-/Brief-Spannen stellen. Die Abweichung zum Kassapreis des Coins bleibt im Normalfall gering, kann in illiquiden Phasen aber ansteigen – insbesondere bei Nischen-Token, in Zeiten hoher Volatilität oder wenn die Referenzmärkte gestört sind.

Im Markt existieren neben Long-Produkten auch Short- und gehebelte ETPs. Diese nutzen Derivate oder tägliche Neugewichtung und verhalten sich anders als ein direkter Coin-Kauf. Die Produktdokumente erklären Rebalancing-Mechanik, Indexmethodik, Ausschlussregeln für Hard Forks oder Airdrops und die Rolle des Sicherheitentreuhänders – essenzielle Lektüre, bevor man handelt. Relevante Referenzen sind die SIX-Listingunterlagen, die Emissionsprospekte sowie FINMA-Merkblätter zur Verwahrung digitaler Vermögenswerte.

Verwahrung: Cold Storage, Sicherheitentreuhänder und Rechtsrahmen

Das Rückgrat eines Krypto-ETP ist die Verwahrung. Emittenten arbeiten mit spezialisierten Depotstellen wie Coinbase Custody, BitGo, Zodia, Copper oder Schweizer Instituten wie Sygnum und SEBA. Üblich ist Cold Storage mit Multi-Signature-Verfahren, geografischer Redundanz und strengem Zugriffsprotokoll. Relevante Dienstleister verfügen oft über Prüfberichte (SOC 1/2) und spezifische Lizenzen in ihren Jurisdiktionen. Entscheidend ist die rechtliche Zuordnung: Die Coins werden segregiert und zugunsten eines unabhängigen Treuhänders verpfändet, der im Emittentenausfall die Sicherheiten verwertet. Schweizer Recht kennt seit der DLT-Revision klare Regeln zur Aussonderung von Token bei Konkursen, sofern sie individuell zuordenbar sind. Sind Verwahrer oder Treuhänder jedoch im Ausland domiziliert, gilt deren lokales Recht – ein Punkt, den Emissionsunterlagen transparent benennen sollten (FINMA, SIX Exchange Regulation, BIS-Analysen betonen diese Jurisdiktionsfrage).

Die operative Kette umfasst zudem Schlüsselverwaltung, Notfallpläne, On-Chain-Überwachung und die Behandlung von Netzwerkereignissen. Seriöse Anbieter legen dar, ob und wie sie Staking-Erträge, Forks oder Airdrops berücksichtigen; häufig werden solche Erträge vertraglich ausgeschlossen oder zur Deckung der Kosten verwendet. Nach den Schockereignissen 2022/23 hat der Markt die Latte höher gelegt: Trennung von Handel und Verwahrung, unabhängige Boards, externe Revisoren und klare Eigentumsnachweise sind heute Standarderwartung.

Risiken und Gebühren in der Praxis

Kosten wirken direkt auf die Rendite. Laufende Gebühren liegen je nach Produktklasse oft zwischen 1,25% und 2,50% p.a., bei breiten Baskets mit Rebalancing tendenziell höher. Hinzu kommen implizite Handelskosten durch Spreads; auf liquide Flaggschiffe wie BTC oder ETH sind sie an der SIX meist im Bereich weniger Basispunkte, bei kleineren Tokens können sie deutlich breiter ausfallen. Tracking-Differenzen ergeben sich aus Gebühren, Rebalancing- und Sicherungskosten sowie aus allfälligen Abweichungen zwischen Referenzpreis und realisierbaren Börsenkursen. Neben dem Emittenten- und Verwahrerrisiko bestehen operationelle Risiken der Blockchain selbst: Netzwerkausfälle, Protokolländerungen, regulatorische Eingriffe. Wer ETPs nutzt, verzichtet zudem auf die unmittelbare Kontrolle privater Schlüssel und folgt den Vertragsbedingungen des Produkts – inklusive der Behandlung von Hard Forks und allfälliger Token-Erträge.

Handel an der SIX: Liquidität, Dokumente, Due Diligence

Der Handel an der SIX bietet Verlässlichkeit: definierte Handelszeiten, Market-Maker-Verpflichtungen, Volatilitätsunterbrechungen und eine zentrale Abwicklung über etablierte Infrastruktur. Gleichwohl lohnt es sich, limitierte Orders zu nutzen und die Handelszeiten der Krypto-Referenzmärkte zu beachten, um unerwünschte Slippage zu vermeiden. Für institutionelle Flüsse sind Creation/Redemption-Prozesse zentral; Privatanleger agieren in der Regel sekundärmarktbasiert.

Vor einem Engagement sollte man den Prospekt, das Basisinformationsblatt sowie die Angaben zur Besicherung, zum Verwahrer, zum Sicherheitentreuhänder und zur Indexmethodik prüfen. Ebenso relevant sind die Bilanzqualität des Emittenten, die Treuhandstruktur im Insolvenzfall und die Rechtsordnung der Verwahrung. SIX-Produktseiten, Emittentenberichte, FINMA-Verlautbarungen und Analysen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich liefern solide Anhaltspunkte. Im Portfolio-Kontext bleibt die Frage der Rolle: Krypto-ETPs sind fokussierte Bausteine mit hoher Volatilität. Sie können taktische Beimischungen ermöglichen, ersetzen aber keine breit diversifizierten Kernanlagen.

Dieser Text dient der Information und ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.

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