Quality, Value, Momentum: Was die drei Aktienfaktoren sind
Faktorstrategien sind aus dem Werkzeugkasten professioneller Investorinnen und Investoren nicht mehr wegzudenken. Auch Privatanlegerinnen und -anleger greifen über ETFs und Mandate darauf zu. Hinter dem Schlagwort stehen systematische, regelgebundene Portfolios, die bestimmte Merkmale – sogenannte Faktoren – übergewichten. Drei davon dominieren die Diskussion im Aktienbereich: Quality, Value und Momentum. Sie sind gut dokumentiert, aber keineswegs Selbstläufer. Wer sie nutzt, handelt implizit Überzeugungen über Marktanomalien, Risiken und das Verhalten anderer Marktteilnehmer.
Was hinter Quality, Value und Momentum steckt
Value sucht das Günstige. Die klassische Literatur, prominent Fama und French (1993, 2015), sortiert Aktien nach Bewertungskennzahlen wie Buch-zu-Markt, Kurs-Gewinn oder freiem Cashflow und bevorzugt die günstigsten Titel. Die Idee: Märkte überreagieren kurzfristig, wodurch Unterbewertungen entstehen; oder Value-Aktien tragen höhere wirtschaftliche Risiken und werden entsprechend niedriger bepreist. Die jüngere Geschichte mahnt zur Geduld. Zwischen 2017 und 2020 erlitt Value eine der längsten Durststrecken der letzten Jahrzehnte, erholte sich aber mit dem Zinsregimewechsel ab 2022. Faktorprämien sind zyklenanfällig und nie garantiert.
Quality priorisiert die Ertragskraft und Robustheit eines Unternehmens. Kennzahlen sind Profitabilität (z. B. Bruttomarge), Stabilität der Cashflows, geringe Verschuldung und verlässliche Bilanzierung. Novy-Marx (2013) zeigte, dass die Brutto-Profitabilität ein starker Prädiktor für künftige Renditen ist – quasi die «andere Seite» von Value. Quality tendiert zu defensiveren Charakteristika, kann aber in Euphoriephasen hinterherhinken. Zudem ist Quality kein Freipass: Hohe Profitabilität in der Vergangenheit schützt nicht vor Disruption.
Momentum schliesslich nutzt Trends. Aktien mit starker jüngster Kursentwicklung schlagen solche mit schwacher Entwicklung im Durchschnitt, wie Asness, Moskowitz und Pedersen (2013) für zahlreiche Märkte zeigten. Behavioral Erklärungen verweisen auf unter- und überreaktionsgetriebene Trendfolgen, risikobasierte Ansätze auf Exposure zu Crash-Risiken. Momentum liefert oft in Phasen mit klaren Trends, doch es kennt abrupte Rückschläge – berühmt ist der «Momentum-Crash» 2009, als sich die Marktführer rasch drehten und Trendfolger auf dem falschen Fuss erwischten.
Warum die Prämien existieren könnten – und wann sie versagen
Es gibt zwei Deutungen. Erstens die Risikoerklärung: Faktorprämien sind Entschädigungen für systematische Risiken, die in schlechten Konjunkturzuständen schmerzen. Value etwa korreliert oft mit zyklischer Aktivität und Kreditbedingungen. Momentum trägt das Risiko schneller Reversals. Zweitens die Verhaltenshypothese: Begrenzte Aufmerksamkeit, Herdenverhalten und Karriereanreize führen dazu, dass Fehlbewertungen fortbestehen. Realistisch ist eine Mischform. Entscheidend ist, dass die Erträge nicht «gratis» sind, sondern von Phasen relativer Schwäche, erhöhtem Tracking Error und bisweilen happigen Drawdowns begleitet werden.
Makro spielt mit. In Regimen steigender Zinsen und höherer Inflation tendieren Cashflows in der Nähe (Value) weniger unter Diskontsatzschocks zu leiden als weit entfernte Wachstumsfantasien. Umgekehrt konnte Growth lange vom Zinsrückgang profitieren, was Value schwächte. Quality profitiert oft in Stressphasen, in denen stabile Bilanzen und verlässliche Cashflows gesucht sind. Solche Muster sind keine festen Naturgesetze, aber sie strukturieren Erwartungsbildung und Risikomanagement.
Messung und Fallstricke
Faktoren existieren nicht im luftleeren Raum, sie werden konstruiert. Die Auswahl und Gewichtung von Kennzahlen, die Häufigkeit des Rebalancings, die Behandlung von Sektoren, die Marktkapitalisierung und der Umgang mit Ausreissern beeinflussen Resultate. Ein «Value»-ETF kann Preis-Buch, Gewinnrendite oder Cashflow unterschiedlich gewichten, sektorneutral oder -agnostisch bauen und Small Caps stärker oder schwächer beimischen. Das führt zu divergierenden Ergebnissen – und erklärt, weshalb Produkte mit gleichem Etikett spürbar anders laufen. Indexanbieter wie MSCI, FTSE Russell und S&P publizieren Methodologien, die man lesen sollte, bevor man Renditehistorien vergleicht.
Transaktionskosten sind ein weiterer Hebel. Momentum erfordert häufigere Umschichtungen; ohne sorgfältige Umsetzung frisst Turnover die Bruttoprämie. AQR und andere Häuser zeigen regelmässig, dass realistische Kostenannahmen den Nettoertrag deutlich drücken können. Auch Datenfragen zählen: Survivorship Bias, Look-Ahead-Fehler und ex-post definierte Kennzahlen führen leicht zu überoptimistischen Backtests. Wer Effekte robust belegen will, sucht Evidenz über Regionen, Zeiträume und Assetklassen hinweg – genau das leisten die Standardreferenzen von Fama/French, Asness et al. und Novy-Marx.
Für die Schweiz kommt eine Besonderheit hinzu: Der heimische Aktienmarkt ist konzentriert, die Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis prägen viele Indizes. Faktorportfolios können dadurch unbeabsichtigt Sektor- und Titelspezifika über- oder untergewichten. Global diversifizierte Umsetzungen entschärfen das, erhöhen aber Währungsrisiken, die separat zu managen sind.
Umsetzung ohne Illusionen: Regeln, Kosten, Diversifikation
Faktorinvesting verlangt Disziplin. Prämien materialisieren sich nicht nach Kalender, sondern launisch. Wer Faktoren beim ersten Rückschlag aufgibt, realisiert die Volatilität, nicht die langfristige Hoffnung. Regeln und Prozesse helfen, nicht der Stimmung zu folgen. Kostenbewusstsein ist zentral: Total Expense Ratio, die impliziten Handelskosten und steuerliche Aspekte bestimmen, was netto ankommt. Unterschiedliche Rebalancing-Frequenzen und Liquiditätsfilter wirken sich besonders bei Momentum und Small Caps aus.
Single-Factor-Ansätze bieten Klarheit, erhöhen aber das Risiko lang anhaltender Underperformance. Multifaktor-Strategien kombinieren komplementäre Signale, häufig in sektor- und stilneutraler Bauweise, um Diversifikationsvorteile zu heben. Die Kehrseite ist eine grössere Abhängigkeit von der genauen Methodik. Tracking Error gegenüber der Marktkapitalisierung ist kein Fehler, sondern der Preis für eine bewusste Stilausrichtung. Wer ihn nicht aushält, sollte die Exponierung klein dosieren oder breit streuen.
Der Kern bleibt: Quality, Value und Momentum sind gut erforschte, aber unsichere Ertragstreiber. Sie verlangen Verständnis für Konstruktion, Geduld in schwachen Phasen und Nüchternheit gegenüber Produktmarketing. Seriöse Quellen – etwa Fama/French (1993, 2015), Novy-Marx (2013) sowie Asness, Moskowitz und Pedersen (2013) – liefern die theoretische und empirische Grundlage; Produktdokumente der Indexanbieter zeigen die praktische Umsetzung. Zwischen diesen Polen entscheidet sich, ob Faktorinvestments im Portfolio Mehrwert stiften.
Hinweis: Dieser Beitrag ist eine journalistische Einordnung und keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.
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