Rebalancing: Wann es sinnvoll ist – und wie man es umsetzt
Anlagestrategien & Portfolio

Rebalancing: Wann es sinnvoll ist – und wie man es umsetzt

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Rebalancing ordnet Anlageklassen und hält Risiken im Zaum. Wann Eingreifen lohnt, welche Regeln funktionieren und welche Kosten Schweizer Anleger beachten sollten.

Wenn Märkte laufen, verschieben sich Gewichte. Aus einem 60/40-Depot wird nach einer Aktienrally schnell 70/30. Das fühlt sich gut an – bis das Risiko unerwünscht hoch wird. Rebalancing bringt die strategische Aufteilung der Anlageklassen zurück in die Spur. Es zwingt zur Disziplin, verkauft relativ Teures, kauft Relativ-Günstiges und stabilisiert die Risikoprofile über den Zyklus. Doch zu häufiges Justieren frisst Rendite durch Kosten und Steuern, zu seltenes lässt Risiken ausufern. Wann und wie also nachsteuern?

Warum Rebalancing Wert stiften kann

Im Kern schützt Rebalancing vor schleichender Risikodrift. Studien von Vanguard (u.a. Jaconetti/Kuo 2010; 2015) zeigen, dass regelbasiertes Rebalancing die Volatilität senkt und Drawdowns abmildert, während die langfristige Rendite im Mittel ähnlich bleibt. Die verbesserte Risikojustierung führt oft zu höheren risikoadjustierten Ergebnissen. Auch das Global Investment Returns Yearbook (Credit Suisse/UBS) dokumentiert über mehr als ein Jahrhundert, wie stark sich Aktien- und Obligationen-Renditen zueinander verschieben – und wie wichtig eine robuste Asset Allocation bleibt.

Rebalancing ist kein Rendite-Zauber. In Phasen persistenter Trends kann eine Drift nach oben die nominale Rendite sogar erhöhen, weil Momentum wirkt. Der Preis dafür ist aber ein höheres Klumpenrisiko und die Gefahr grösserer Einbrüche, wenn die Stimmung kippt. Für private wie institutionelle Anleger ist die zentrale Frage deshalb nicht «maximiert es Rendite?», sondern «hält es das vereinbarte Risiko verlässlich im Korridor?». Gerade im Entnahme- oder Vorpensionsstadium reduziert eine kontrollierte Volatilität das Sequenzrisiko, also die Gefahr, in einem ungünstigen Börsenjahr zu viel Substanz zu verlieren.

Kalender gegen Schwellen: Was Forschung und Praxis nahelegen

Zwei Ansätze dominieren: nach Kalender (z.B. jährlich) oder nach Schwellenwerten («Bands»). Kalenderbasiertes Rebalancing ist einfach und planbar. Schwellenbasierte Regeln reagieren nur, wenn Abweichungen materiell sind, etwa wenn eine Anlageklasse um 5 Prozentpunkte vom Ziel wegdriftet oder relativ um 20% überschreitet. Die Literatur deutet darauf hin, dass Schwellenmethoden effizienter sind, weil sie unnötige Trades vermeiden und «mean reversion» besser nutzen. Ein oft zitiertes Papier von Gobind Daryanani (2008) nennt dies «opportunistisches Rebalancing» und zeigt Vorteile gegenüber starren Terminen; Vanguard kommt in späteren Analysen zu ähnlichen Schlüssen. In der Praxis kann eine Kombination gut funktionieren: ein jährlicher Check, ergänzt um Bänder, die ausserplanmässige Eingriffe auslösen.

Frequenz, Bänder und der Einsatz von Cashflows

Wie breit die Bänder sein sollen, hängt von Volatilität und Korrelationen der Anlageklassen ab. Bei einem klassischen Mischportfolio reichen oft absolute Bänder von 5 Prozentpunkten um die Zielgewichte, bei volatileren Satelliten (z.B. EM-Aktien, Rohstoffe) sind grössere Toleranzen sinnvoll. Wer täglich in die App schaut, rebalanciert eher zu oft. Ein klarer Prozess – etwa quartalsweise Sichtung plus Schwellen – reduziert Verhaltenseinflüsse.

Ein unterschätztes Werkzeug sind Cashflows. Neuanlagen, Sparpläne, Dividenden und Kuponerträge lassen sich gezielt den untergewichteten Segmenten zuordnen. Das reduziert Transaktionen und damit Kosten. Umgekehrt können Entnahmen vorzugsweise aus übergewichteten Bausteinen erfolgen. In illiquiden Anlageklassen wie Private Markets, Immobilienfonds oder Hypotheken-Produkten braucht es zusätzlich Geduld und Governance: Der Weg zurück zum Zielgewicht erfolgt dort über längere Zeitfenster.

Auch Zinsregime prägen die Taktung. Steigen die Zinsen rasch, verändern sich Durationen und Korrelationen. Obligationen reagieren kürzer, Währungsabsicherungen werden teurer oder günstiger. Das kann Rebalancing-Schwellen häufiger auslösen als in einem Umfeld stabiler Sätze. SNB-Entscheide und Terminzinskurven liefern hier wichtige Signale, ohne dass sie den Prozess dominieren sollten.

Kosten, Steuern und Schweizer Besonderheiten

Jeder Trade kostet. Neben Courtagen fallen in der Schweiz Stempelabgaben an: bei inländischen Wertschriften meist 0,075%, bei ausländischen 0,15%. Dazu kommen Bid-Ask-Spreads, vor allem bei weniger liquiden ETFs oder ausserbörslichem Handel. Wer Bänder breiter wählt und Cashflows nutzt, hält diese Reibungsverluste tief. Bei Fremdwährungen sind Umtauschspreads und allfällige Pauschalgebühren zu berücksichtigen; sie können die Rebalancing-Frequenz mitbestimmen.

Steuerlich sind Kapitalgewinne für private Anleger in der Schweiz in der Regel einkommenssteuerfrei, solange keine Qualifikation als gewerbsmässiger Wertschriftenhändler vorliegt. Häufiges, systematisches Trading kann dieses Risiko erhöhen; die Kreisschreiben der ESTV definieren Safe-Harbor-Kriterien. Rebalancing nach klaren, vernünftigen Regeln und ohne Leverage spricht gegen eine gewerbliche Einstufung, ersetzt aber keine individuelle Prüfung. Unabhängig davon bleibt das Vermögen der Vermögenssteuer unterstellt und Erträge aus Zinsen und Dividenden sind steuerbar. Ausschüttende und thesaurierende Fonds behandeln Rebalancing im Alltag unterschiedlich, die Steuerfolgen sind jedoch über die jährliche Ertragsausschüttung vergleichbar.

Für CHF-Anleger spielt die Währung eine zentrale Rolle. Wer global in Aktien und Obligationen investiert, muss entscheiden, ob und wie stark abzusichern ist. Hedged-ETFs fügen eine zusätzliche Schicht an Positionen hinzu, die selbst rebalanciert werden muss. Zielgewichte sollten deshalb explizit zwischen Anlageklassen und Währungsregime unterscheiden. Viele Robo-Advisor und Vermögensverwaltungsmandate in der Schweiz automatisieren diesen Prozess und dokumentieren Eingriffe transparent – ein Plus für Governance und Disziplin.

Das Fazit ist unspektakulär, aber entscheidend: Rebalancing ist Risiko-Management, kein Timing. Ein einfaches Regelwerk, diszipliniert umgesetzt, genügt. Wer seine Bänder definiert, Kosten im Blick behält und Cashflows intelligent nutzt, bleibt näher an seiner strategischen Allokation – und damit an den Zielen, für die das Portfolio überhaupt konstruiert wurde. Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung; er soll helfen, den eigenen Prozess zu schärfen und die richtigen Fragen zu stellen.

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