Risikoprofil und Anlagehorizont: die Basics
Wer Anlageklassen zuordnet, ordnet Risiken. Dass der Aktienanteil langfristig über die Rendite entscheidet, ist trivial. Weniger trivial ist, wie viel Risiko ein Portfolio tragen kann und soll. Zwei Koordinaten helfen, das Feld zu vermessen: das Risikoprofil und der Anlagehorizont. Beide werden oft vermischt, sind aber konzeptionell verschieden – und führen, sauber getrennt, zu besseren Entscheidungen.
Risikoprofil richtig verstehen
Das Risikoprofil hat drei Dimensionen. Erstens die Risikokapazität: die finanzielle Tragfähigkeit, Verluste auszuhalten, ohne zentrale Ziele zu gefährden. Sie ergibt sich aus Einkommen, Vermögen, Verpflichtungen, Cashflows und Puffer. Wer in den nächsten Jahren grössere Ausgaben finanzieren muss, hat eine tiefere Kapazität als jemand mit stabilen Überschüssen und wenig fixen Lasten.
Zweitens die Risikotoleranz: die psychologische Bereitschaft, Schwankungen zu akzeptieren. Sie ist verhaltensökonomisch geprägt und schwankt mit Markterfahrungen. Forschung von Vanguard und dem CFA Institute zeigt, dass Toleranzmessungen kontextabhängig sind: Nach Bärenmärkten sinkt die ausgewiesene Toleranz, in Haussephasen steigt sie – ein schlechter Ratgeber für strategische Allokationen.
Drittens der Risiko-«Bedarf»: die Rendite, die nötig wäre, um Ziele mit sinnvoller Wahrscheinlichkeit zu erreichen. Er lässt sich aus Sparquote, Zeitplan und Zielsumme herleiten. Hier lauert eine Falle: Ein hoher Renditebedarf legitimiert kein strukturell zu hohes Risiko, wenn Kapazität und Toleranz es nicht tragen. Die Hierarchie ist strikt: Kapazität setzt die Obergrenze, Toleranz den Handlungsspielraum, erst dann kommt der Bedarf.
Regulatorisch ist diese Trennung verankert. Unter MiFID II und dem Schweizer FIDLEG/LSFin müssen Institute Eignungs- und Angemessenheitsprüfungen durchführen. FINMA und ESMA betonen in ihren Leitlinien, dass Kenntnisse/Erfahrungen, finanzielle Verhältnisse und Anlageziele getrennt erhoben und konsistent beurteilt werden sollen. Das ist keine Formalie, sondern Schutz vor Fehlallokationen.
Anlagehorizont und Liquidität
Der Anlagehorizont ist der Zeitraum, bis Mittel voraussichtlich benötigt werden. Er ist nicht monolithisch: Eine Unternehmerin kann gleichzeitig einen sehr langen Vorsorgehorizont und einen kurzen Liquiditätshorizont für eine geplante Investition haben. Die Implikation für Anlageklassen: Laufzeit und Liquidität der Investments sollten mit den Fälligkeiten Ihrer Verpflichtungen korrespondieren.
Die oft wiederholte Annahme, Aktien würden über lange Zeiträume «sicherer», ist nur bedingt korrekt. Die annualisierte Volatilität nimmt mit dem Horizont arithmetisch ab, die Extremrisiken verschwinden aber nicht. Das «Global Investment Returns Yearbook» von Dimson, Marsh und Staunton dokumentiert Perioden, in denen reale Aktienrenditen über ein Jahrzehnt oder länger enttäuschten. Zeit diversifiziert das Ergebnis, aber nicht das Risiko der schlechten Sequenz.
Inflation ist der stille Gegenspieler kurzer Horizonte. Daten der SNB illustrieren, dass Kaufkraftschwund über Jahre substantiell sein kann, selbst bei moderaten Raten. Ein zu hoher Bargeld- oder Festgeldanteil schützt zwar vor Marktschwankungen, erhöht aber das Inflationsrisiko. Umgekehrt tragen langfristige Anlagen wie Aktien oder inflationsgeschützte Anleihen reale Renditeprämien – mit zwischenzeitlichen Drawdowns.
Sequenzrisiko und Rebalancing
Wer regelmässig entnimmt – etwa in der Pensionierung –, ist dem Sequenzrisiko ausgesetzt: Fallen die Märkte früh, zementieren Entnahmen Verluste und schrumpfen die künftige Erholungskraft. Das ist weniger eine Frage der durchschnittlichen Rendite als der Reihenfolge der Renditen. Ein durchdachter Liquiditätsplan kann dieses Risiko mindern. Kurzfristig benötigtes Kapital marktunabhängig vorzuhalten, reduziert den Zwang, zu niedrigen Kursen zu verkaufen, hat aber Opportunitätskosten.
Rebalancing ist die operative Brücke zwischen Risikoprofil und Horizont. Es hält die Allokation an den Zielwerten und damit am Risiko fest, statt der Marktbewegung hinterherzudriften. Studien von Vanguard und AQR zeigen, dass regelmässiges oder bandbasiertes Rebalancing die Risikocharakteristik stabilisiert. Es maximiert nicht zwingend die Rendite, reduziert aber die Varianz und verhindert, dass Anleihen- oder Aktienrisiken unbemerkt dominieren. Kosten, Steuern und Spreads sind mitzubedenken; in der Schweiz können Stempelabgaben und Einkommensbesteuerung von Zinsen und Dividenden die Frequenzwahl beeinflussen.
Für die Wahl der Anlageklassen heisst das: Der Aktienanteil ist kein Identitätsmerkmal, sondern das Ergebnis eines Abgleichs. Höhere Kapazität und stabile Toleranz rechtfertigen mehr Eigenkapitalrisiko, lange Horizonte erlauben illiquide Prämien – sofern Liquiditätsbedürfnisse gesichert sind. Niedrige Kapazität oder fragile Toleranz sprechen für robustere Anleihen- und Cash-Komponenten, eventuell mit qualitativen Bonitäten und gestaffelten Laufzeiten. Stressszenarien, die reale Einkommensschocks, Kursverluste und Inflationsspitzen kombinieren, prüfen das Setup besser als glatte Durchschnittswerte.
Ein sauberes Risikoprofil und ein klar strukturierter Anlagehorizont sind keine Garantie für Erfolg, aber ein wirksamer Schutz gegen vermeidbare Fehler. Sie schaffen den Rahmen, in dem Diversifikation, Kostenkontrolle und Disziplin wirken können. Dieser Artikel stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Für individuelle Entscheidungen sind persönliche Umstände, regulatorische Vorgaben und vertiefte Abklärungen entscheidend. Quellenhinweise: FINMA- und ESMA-Leitlinien zur Eignungsprüfung, SNB-Daten zu Inflation, Global Investment Returns Yearbook (Dimson/Marsh/Staunton), Research von Vanguard und AQR zum Rebalancing und zu Risikotoleranz.
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