Robo-Advisor oder Bankberater: was passt zu wem?
Die Vermögensverwaltung wird digitaler, doch die Bankberaterin bleibt gefragt. Zwischen algorithmischen Portfolios und persönlicher Beratung liegt mehr als eine Stilfrage. Es geht um Kosten, Kontrolle, Komplexität – und um Verhalten in stürmischen Märkten. Wer abwägt, trifft bessere Entscheidungen. Dieser Beitrag ordnet faktenbasiert ein und ersetzt keine individuelle Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.
Kosten, Transparenz und Produktarchitektur
Preis ist nicht alles, aber er wirkt sicher. Schweizer Robo-Advisor veranschlagen in der Regel Managementgebühren von rund 0,25% bis 0,80% pro Jahr. Hinzu kommen Produktkosten für ETF von etwa 0,10% bis 0,30%. All-in bewegen sich digitale Angebote damit häufig zwischen 0,35% und 1,10% p.a., wie Marktübersichten von Moneyland zeigen (moneyland.ch, Robo-Advisor-Vergleich). Traditionelle Vermögensverwaltungsmandate bei Banken liegen gemäss gängigen Tarifblättern und Studien des VZ VermögensZentrums oft bei 1,0% bis 1,5% Managementfee zuzüglich Produktkosten, Transaktionen und Depotgebühren. Effektiv summiert sich das nicht selten auf 1,5% bis 2,5% p.a., je nach Mandatsgrösse und Produktarchitektur (vzch.com, Studien zu Gebühren).
Bei den Produkten setzen Robo-Modelle primär auf breit gestreute ETF und indexnahe Bausteine. Diese Schlichtheit sorgt für Kostendisziplin und hohe Transparenz. Bankmandate verfügen dagegen über eine breitere Palette, inklusive aktiv verwalteter Fonds, strukturierter Produkte oder – bei grösseren Vermögen – Private Markets. Das eröffnet zusätzliche Diversifikationsachsen, birgt aber Interessenkonflikte, wenn hauseigene Produkte bevorzugt werden. Das Schweizer Finanzdienstleistungsgesetz (FIDLEG/FinSA) und das Finanzinstitutsgesetz (FINIG/FinIA) erhöhen die Transparenz bei Kosten und Eignungsprüfung, eliminieren aber Anreizkonflikte nicht vollends (finma.ch).
Leistung, Verhalten und Technologie
Die Frage nach der Performance ist heikel. Algorithmische Asset-Allokationen replizieren oft wissenschaftlich gut belegte Risikoprämien und rebalancieren diszipliniert. Sie versprechen keine Outperformance, reduzieren aber das Risiko grober Timing-Fehler. Genau dort liegt ein grosser Hebel: Laut Morningstar fallen die realisierten Anlegererträge regelmässig hinter die Fondserträge zurück, weil Zu- und Abflüsse ungünstig getimed sind. Die jüngste "Mind the Gap"-Analyse weist je nach Region Lücken von rund 1 bis 1,5 Prozentpunkten p.a. aus (morningstar.com). Disziplin schlägt Bauchgefühl.
Wie viel Mehrwert schafft menschliche Beratung? Vanguard beziffert den potenziellen langfristigen Nutzen guter Beratung – etwa durch Rebalancing, Kostenkontrolle und Verhaltenscoaching – auf rund 3% pro Jahr, betont aber die starke Streuung und die US-Spezifika der Schätzung (Vanguard Advisor’s Alpha). In der Schweiz fällt ein Teil dieses Potenzials geringer aus, weil Steueroptimierung via "Tax-Loss Harvesting" für private Anlegerinnen und Anleger typischerweise nicht greift. Kapitalgewinne sind für Nicht-Professionelle in der Regel steuerfrei, während Dividenden einkommenssteuerpflichtig bleiben. Die Abgrenzung zwischen privatem und gewerbsmässigem Wertschriftenhandel legt die ESTV in Kreisschreiben dar; sie verdient Beachtung, verändert aber die Grundlogik nur begrenzt (estv.admin.ch).
Technologisch punkten Robo-Advisor mit konsistenter Risikoüberwachung, automatischem Rebalancing und einer klaren Spur an Entscheidungsregeln. Das reduziert Verhaltensdrift und senkt Betriebskosten. Bankberater wiederum können in Stressphasen Kontext liefern, Portfoliosituationen erklären und bei ausserordentlichen Ereignissen Abwägungen treffen, die Algorithmen nicht antizipieren – vom Illiquiditätsloch bis zur steuerlichen Nebenwirkung einer Restrukturierung. In der Praxis wächst daher das hybride Modell: Digital, wo Skalierbarkeit zählt; menschlich, wo Urteilskraft gefragt ist. Berichte wie der BCG Global Wealth Report 2024 verweisen auf besonders dynamisches Wachstum solcher hybriden Angebote (bcg.com).
Sicherheit und Regulierung in der Schweiz
Robo-Advisor, die als Vermögensverwalter auftreten, unterstehen dem FINIG-Regime und benötigen eine Bewilligung oder arbeiten mit bewilligten Partnern; die FINMA überwacht. Die FIDLEG-Regeln zu Angemessenheit, Eignung, Dokumentation und Kosteninformation gelten unabhängig vom Kanal. Cyberrisiken und Betriebsstabilität bleiben ein Thema, das die FINMA in ihren Aufsichten und Rundschreiben adressiert. Klassische Banken bieten starke operationelle Resilienz, doch auch sie sind nicht vor Ausfällen gefeit. Entscheidend sind robuste Prozesse, klare Verwahrstrukturen, segregierte Kundengelder und transparente Notfallkonzepte – Punkte, die Anlegerinnen und Anleger prüfen sollten (finma.ch).
Komplexität, Lebenssituation und der Faktor Mensch
Die Wahl hängt weniger vom Label als vom eigenen Bedarf ab. Wer einen langen Horizont, klare Ziele und eine hohe Bereitschaft zur Automatisierung mitbringt, findet in einem kostengünstigen Robo-Portfolio eine schlüssige Lösung. Die Kombination aus ETF, regelbasiertem Rebalancing und tiefer Gebührenlast ist schwer zu schlagen, sofern die Risikofähigkeit korrekt erfasst wurde und man Marktschwankungen aushält.
Sobald die Lebenssituation komplexer wird, steigt der Wert persönlicher Beratung. Unternehmerische Vermögen mit Konzentrationsrisiken, Beteiligungen, Mitarbeiterbeteiligungspläne, Nachfolgefragen, Vorsorgeplanung über 2. Säule und Säule 3a, Lombardkredite oder Hypotheken – all das verlangt Abwägungen, die über die Standardallokation hinausgehen. Auch grenzüberschreitende Themen, Familienstiftungen oder Philanthropie profitieren von menschlicher Erfahrung. Wichtig ist, Anreizsysteme zu verstehen: Honorarbasierte Beratung trennt Produktauswahl und Vergütung, reduziert potenzielle Interessenkonflikte und macht Kosten kalkulierbar. Wo produktgebundene Entschädigungen bestehen, hilft Transparenz, die Qualität der Empfehlung einzuordnen.
Am Ende überzeugen jene Modelle, die Verhalten und Struktur zusammenbringen. Kosten und Diversifikation bleiben die stillen Treiber langfristiger Nettoerträge. Disziplin – ob durch Algorithmus oder Coach – schützt vor teuren Impulsentscheidungen. Wer die eigene Komplexität ehrlich einschätzt, die Gebührenstruktur versteht und regulatorische Mindeststandards prüft, wird in der Schweiz sowohl mit einem guten Robo-Advisor als auch mit einer guten Bankberaterin solide leben können. Die Entscheidung ist weniger Entweder-oder als Sowohl-als-auch: digital, wo es skaliert; menschlich, wo es zählt.
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