Robo-Advisor: Wie die digitale Vermögensverwaltung funktioniert
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Robo-Advisor: Wie die digitale Vermögensverwaltung funktioniert

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Robo-Advisor versprechen günstige, systematische Geldanlage per Algorithmus. Wie sie Portfolios bauen, Risiken steuern und wo ihre Grenzen liegen.

Digitale Vermögensverwaltung hat in der Schweiz leise, aber stetig an Boden gewonnen. Robo-Advisor kombinieren Fragebogen, Algorithmen und ETFs zu einem automatisierten Vermögensprozess. Die Idee: Regeln statt Bauchgefühl, klare Kosten statt versteckter Gebühren – und eine disziplinierte Umsetzung. Dieser Beitrag erklärt Robo-Advisor – wie sie funktionieren, worin sie stark sind und wo Anlegerinnen und Anleger genauer hinschauen sollten.

Was ein Robo-Advisor konkret macht

Am Anfang steht das Onboarding. Ein strukturierter Fragebogen ermittelt Zielhorizont, Risikofähigkeit und Risikoneigung. Gute Anbieter unterscheiden explizit zwischen der finanziellen Tragfähigkeit von Verlusten und der psychologischen Toleranz. Daraus entsteht ein Risikoprofil, das einer strategischen Asset-Allokation zugeordnet wird: meist Mischungen aus globalen Aktien, Anleihen, Liquidität und je nach Angebot auch Immobilienfonds, Gold oder Faktoren. Umgesetzt wird das Portfolio überwiegend mit kostengünstigen ETFs. Viele Plattformen erlauben ESG-Präferenzen, Währungsabsicherungen oder kleine Gewichtsvariationen um die Standardstrategie.

Unter der Oberfläche arbeiten Modelle, die die Gewichte bestimmen und laufend überwachen. Häufig sind es Varianten der Mittelwert-Varianz-Optimierung oder Black‑Litterman-Ansätze, teils auch Risikobudgetierung. In der Praxis setzen Anbieter enge Bandbreiten und Nebenbedingungen, damit die Allokationen stabil bleiben und handelbar sind. Sind die Märkte in Bewegung, greift ein Rebalancing: Weichen Gewichte über vordefinierte Schwellen ab, wird zurück zur Zielstruktur umgeschichtet. Das reduziert Klumpenrisiken und hält das Risikoprofil konsistent. Manche Anbieter steuern zusätzlich die Portfoliovolatilität, um in sehr stürmischen Phasen das Risiko zu kappen; andere bleiben strikt passiv.

Der operative Teil bleibt zentral: Ein Robo-Advisor konsolidiert Orders, minimiert Handelskosten, konvertiert Währungen effizient und sorgt für die Wiederanlage von Ausschüttungen. Ein kleiner Cash-Puffer vermeidet Zwangsverkäufe bei Gebührenbelastungen. Steuerfunktionen wie «Tax-Loss Harvesting» sind in einigen Märkten verbreitet; in der Schweiz ist deren Nutzen im Privatvermögen wegen der Besonderheiten der Besteuerung von Kapitalgewinnen begrenzt und stark vom Einzelfall abhängig. In der Säule 3a wiederum steht die Produktarchitektur im Vordergrund; der Algorithmus steuert innerhalb der gesetzlichen Leitplanken.

Gebühren, Performance und Fallstricke

Die Preismechanik ist transparenter geworden, aber sie ist mehrschichtig. Typischerweise erhebt der Anbieter eine Verwaltungsgebühr von rund 0,3–1,0% p.a. Hinzu kommen die laufenden Produktkosten der ETFs (oft 0,1–0,3% p.a.). Daneben wirken Transaktionskosten, Geld-/Brief-Spannen, allfällige Stempelabgaben, Devisenaufschläge sowie Depot- oder Börsengebühren. Entscheidend ist die «All-in»-Sicht: Was kostet der Service inklusive Produkte und Handel über ein Jahr bei realistischen Umschichtungen? Seriöse Anbieter weisen dies offen aus und quantifizieren die erwarteten Nebenkosten. Positive Effekte wie Erträge aus Wertschriftenleihe (sofern praktiziert) sollten ebenso transparent an Kundinnen und Kunden fliessen.

Zur Leistungslage ist die Evidenz ernüchternd und ermutigend zugleich. Studien von Morningstar und akademische Arbeiten zeigen, dass standardisierte Mischportfolios nach Kosten in der Regel nahe an ihren passiven Referenzindizes liegen. Unterschiede entstehen weniger durch «smarte» Signale als durch Gebühren, Rebalancing-Disziplin, Cash-Quoten, Währungsabsicherung und die Wahl der ETF-Vehikel. Die Bank for International Settlements hat zudem gezeigt, dass mechanisches Rebalancing in Stressphasen sowohl Stabilität schaffen als auch – bei zu synchronen Regeln – Marktbewegungen verstärken kann. Für Anlegerinnen und Anleger heisst das: Die Prozessqualität zählt mehr als Marketingversprechen; Modellauswahl, Slippage-Kontrolle und Handelspraxis prägen die Nettorendite.

Typische Fallstricke sind subtil. Ein zu grosser Liquiditätsanteil führt zu «Cash Drag». Währungsrisiken können Portfolios dominieren, wenn global in CHF unbeabsichtigt ungesichert investiert wird. Faktor-Neigungen einzelner ETFs erzeugen Abweichungen gegenüber breiten Benchmarks. In Anleiheportfolios droht ein Mismatch zwischen ETF-Liquidität und der Liquidität der zugrunde liegenden Märkte; in Stressphasen weiten sich Spreads, was Rebalancing verteuert. Auch operationelle Risiken – Ausfälle von Schnittstellen, Datenfehler, zeitgleiche Orderbündel – sind nicht akademisch. Seriöse Anbieter adressieren das mit Redundanzen, Handelsfenstern und unabhängigen Kontrollen.

Regulierung in der Schweiz und Transparenz

Robo-Advisor unterliegen in der Schweiz je nach Ausgestaltung der Aufsicht durch die FINMA. Wer Kundenvermögen verwaltet, benötigt eine Bewilligung als Vermögensverwalter nach FINIG; wer nur vermittelt, fällt in andere Kategorien. Unabhängig vom Automatisierungsgrad gelten die Kunden- und Verhaltensregeln des FIDLEG, darunter Informations-, Angemessenheits- und Eignungsprüfung. Diese Pflichten lassen sich nicht «an den Algorithmus delegieren», sondern müssen fachlich, organisatorisch und auditierbar verankert sein. Zudem greifen das Datenschutzrecht (DSG) und, bei grenzüberschreitenden Angeboten, die Anforderungen aus MiFID II. Gute Praxis umfasst eine klare Offenlegung der Methodik, realistische, nicht irreführende Backtests, verständliche Risikoberichte sowie eine robuste Governance – inklusive Modellvalidierung und laufendem Monitoring.

Für wen kann ein Robo-Advisor sinnvoll sein? Wer ein regelbasiertes, breit diversifiziertes Portfolio bevorzugt, aber den operativen Aufwand scheut, findet ein konsistentes Werkzeug. Wer hingegen bereits diszipliniert mit ETFs arbeitet und Kosten strikt optimiert, gewinnt weniger Zusatznutzen. Entscheidend bleibt die Passung zwischen Zielen, Risikotoleranz und Prozessvertrauen. Der Trend geht zur Hybridberatung: digitale Kernprozesse, flankiert von menschlicher Begleitung bei Lebensereignissen, komplexen Vermögenslagen oder Steuerfragen. So entsteht aus Automatisierung kein Automatismus – sondern ein verlässlicher Rahmen für langfristiges Investieren.

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