Rohstoffe und Gold: wofür taugen sie im Portfolio?
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Rohstoffe und Gold: wofür taugen sie im Portfolio?

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Rohstoffe und Gold polarisieren. Sie diversifizieren Portfolios, dienen teils als Inflationsschutz und Krisenpuffer – jedoch mit klaren Kosten, Rollrisiken und ESG-Fragen.

Rohstoffe und Gold sind wieder en vogue, befeuert von Inflationssorgen, geopolitischen Spannungen und der Suche nach unkorrelierten Erträgen. Doch wofür taugen sie wirklich im Portfolio einer Schweizer Anlegerin oder eines Unternehmers? Die Antwort liegt zwischen Krisenschutz, Diversifikation – und einer Reihe unbequemer praktischer Details.

Diversifikation, Krisenschutz und Inflationsanker

Gold ist ein Sonderfall unter den Rohstoffen: Es ist knapp, fungibel, hoch liquide und trägt keinen Cashflow. Genau deshalb wird es in Stressphasen gesucht. Historisch zeigte sich Gold in Finanz- und geopolitischen Schocks oft robust; es korreliert mittel- bis langfristig nur schwach mit Aktien und Staatsanleihen. Studien und Marktbeobachtungen, etwa des World Gold Council, verweisen zudem auf den Einfluss der Realzinsen: Steigen reale Renditen, erhöht sich die Opportunitätskostenlast für ein unverzinstes Asset; sinken sie, gewinnt Gold tendenziell. Seit 2022 spielte zusätzlich eine starke Nachfrage von Notenbanken eine Rolle, was laut WGC-Berichten zu rekordnahen Nettokäufen führte.

Breite Rohstoff-Indizes funktionieren anders. Sie bilden nicht die Spotpreise nach, sondern meist rollierende Futures. Ihr Ertrag setzt sich aus drei Bausteinen zusammen: der Veränderung des Spotpreises, dem Ertrag auf hinterlegtes Sicherheitenkapital (Collateral) und dem Roll-Ertrag beim Wechsel in länger laufende Kontrakte. Forschung von Gorton/Rouwenhorst sowie Erb/Harvey zeigt, dass Rohstoff-Futures in Phasen von Knappheit (Backwardation) positive Roll-Erträge abwerfen können, wohingegen Überangebot (Contango) die Rendite durch Rollverluste schmälert. Das macht breite Rohstoff-Exposure konjunktursensitiv und taktisch anspruchsvoll.

Als Inflationsschutz wirken Rohstoffe uneinheitlich. Energie- und Nahrungsmittelpreise treiben die Teuerung – entsprechend reagieren Rohstoffindizes in solchen Episoden oft positiv. Über längere Zyklen ist der Schutz jedoch inkonsistent, weil technischer Fortschritt, Angebotsreaktionen und Regulierung die Preisbildungsmechanik verändern. Gold wiederum bietet keinen perfekten, aber teils nützlichen Anker gegen Währungs- und Vertrauensrisiken; es ist weniger ein Inflations-, sondern eher ein Versicherungs-Asset gegen extreme Szenarien. Internationalen Quellen wie IWF- und BIS-Analysen zufolge glätten solche Eigenschaften Portfolios vor allem dann, wenn die klassischen Risikoprämien (Aktien, Kredit) gleichzeitig schwächeln.

Was der Schweizer Franken verändert

Für Anlegerinnen und Anleger in CHF ist die Sache nuanciert. Der Franken gilt als sicherer Hafen; in globalen Stressphasen wertet er oft auf. Das reduziert in solchen Momenten den in USD notierten Goldpreisanstieg in CHF-Rechnung – und dämpft die Krisenwirkung. Umgekehrt sind Rohstoff-Futures und Gold-ETFs mit Währungsrisiken behaftet, sofern nicht in CHF abgesichert. Eine Absicherung kann die Volatilität senken, kostet aber laufend und trägt eigenes Gegenparteirisiko. Der individuelle Nutzen hängt damit auch vom Wechselkursregime, der SNB-Politik und der Struktur des übrigen Portfolios ab.

Umsetzung und Fallstricke: physisch, Futures, Minen

Gold lässt sich physisch (Barren, Münzen) oder über börsengehandelte Vehikel halten. Physisch bietet unmittelbares Eigentum, verlangt jedoch sichere Verwahrung und verursacht Lager- sowie Versicherungskosten. Zudem sind Liquidität, Spreads und Prägeaufschläge zu beachten. ETF-/ETC-Lösungen mit physischer Hinterlegung schaffen Effizienz und Handelbarkeit, erfordern aber ein genaues Verständnis der Struktur: Ist das Gold segregiert? Gibt es Wertpapierleihe? Wer ist der Verwahrer? Unterschiede im Rechtsrahmen und Emittentenrisiko sind material. Für die Schweiz relevant: Anlagegold ist mehrwertsteuerbefreit, während andere Edelmetalle abweichen können; die konkrete steuerliche Behandlung hängt vom Einzelfall ab und gehört in professionelle Beratung, nicht in pauschale Rezepte.

Breite Rohstoffallokationen erfolgen typischerweise via Indexfonds auf Futures-Körbe. Hier dominieren Energiegewichte, was die Sensitivität zu Öl- und Gaszyklen erhöht. Die Rollmechanik ist zentral: In Contango-Phasen entstehen laufend Verluste beim „teuer Kaufen, billig Auslaufen lassen“. Anpassungen in Indexmethodiken versuchen, diese Effekte zu mildern, indem sie weiter in die Terminstruktur rollen oder nach Lagerbeständen steuern. Dennoch bleibt der Roll-Ertrag eine bewegliche Grösse und erklärt, weshalb die nominale Spotentwicklung allein den Anlegerertrag kaum abbildet. Hinzu kommen Gebühren, Collateral-Erträge (zinsabhängig) und Tracking-Differenzen.

Aktien von Minengesellschaften sind kein Ersatz für Metallpreiseinsätze, sondern zyklische Unternehmensbeteiligungen. Sie reagieren auf Förderkosten, Kapitaldisziplin, Politik- und ESG-Risiken sowie den allgemeinen Aktienmarkt. In Phasen steigender Metallpreise können sie überproportional zulegen, in Abschwüngen drastisch verlieren. Wer Diversifikation sucht, sollte diese Unterschiede kennen und nicht stillschweigend Gleiches mit Gleichem verwechseln.

ESG ist bei Rohstoffen mehr als Etikette. Lieferkettenrisiken, Umwelt- und Sozialstandards, Wasserverbrauch und Tailings-Sicherheit beeinflussen Lizenzierung, Kosten und Reputationsrisiken. Seriöse Anbieter publizieren Due-Diligence- und Audit-Prozesse; unabhängige Berichte internationaler Organisationen helfen bei der Einordnung. Gerade hier lohnt eine quellengestützte Prüfung, bevor Kapital gebunden wird.

Einordnung im Portfolio: Nutzen mit Augenmass

Was bleibt als Fazit? Gold kann als Krisenpuffer und Liquiditätsreserve dienen, insbesondere gegen Vertrauens- und Währungsrisiken. Breite Rohstoffe liefern zyklische Sensitivität und potenziell positive Roll-Erträge in Knappheitsregimen, aber auch die Kehrseite in Contango-Phasen. In mehreren akademischen Arbeiten werden für langfristige Mischportfolios kleine, teils einstellige Allokationsrahmen diskutiert – stets abhängig von Zielen, Risikotoleranz, Währungsbasis und bereits vorhandenen Risikoprämien. Das ist keine Empfehlung, sondern eine Einordnung: Der Grenznutzen ergibt sich im Kontext, nicht in der isolierten Produktwahl.

Wer Rohstoffe oder Gold erwägt, sollte deshalb weniger die nächste Schlagzeile, sondern die Mechanik in den Blick nehmen: Korrelationen sind regimesensitiv, Roll-Erträge schwanken, Kosten sind sicher. Seriöse Quellen – etwa Analysen des World Gold Council, Forschungsarbeiten von Gorton/Rouwenhorst und Erb/Harvey sowie Berichte von IWF und BIS – liefern das Material, um Annahmen zu testen. Der Rest ist Disziplin: klare Rolle im Portfolio, robuste Umsetzung, transparente Kosten – und die Bereitschaft, auch ungemütliche Phasen auszuhalten.

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