TER, Tracking Difference & Tracking Error einfach erklärt
Viele Anleger:innen schauen bei ETFs zuerst auf die TER. Verständlich: Die Gesamtkostenquote ist leicht zu vergleichen und scheinbar eindeutig. Doch die reale Abweichung eines ETFs vom Referenzindex entscheidet sich nicht an einem einzigen Preisschild. Tracking Difference und Tracking Error liefern das belastbarere Bild – sie zeigen, wie gut ein Produkt seinen Index in der Praxis nachzeichnet und wie stabil diese Abbildung ist.
Was die TER misst – und was sie nicht zeigt
Die Total Expense Ratio (TER) erfasst die laufenden, im Fonds anfallenden Kosten: Managementgebühr, Verwahrung, Administration. Sie ist nützlich, aber unvollständig. Nicht enthalten sind unter anderem Transaktionskosten im Portfolio, Rebalancing-Aufwand, potenzielle Steuereffekte sowie Performance-Einflüsse aus Wertpapierleihe oder Replikationsmethoden. In der EU und der Schweiz wird die TER teils als Ongoing Charges Figure (OCF) ausgewiesen; die Methodik ist reguliert, bleibt aber ein Näherungswert.
Gerade bei synthetischen ETFs können Swap-Gebühren teilweise in der TER stecken, während bei physischer Replikation Handelsspesen im Portfolio anfallen, die nicht in der TER erscheinen. Auch währungsabgesicherte Anteilsklassen verursachen laufende Hedging-Kosten, die in Factsheets selten separat ausgewiesen sind. Regulatorisch gilt: UCITS-Anbieter müssen gemäss ESMA-Leitlinien transparent über die Indexnachbildung informieren; die TER allein erfüllt diesen Anspruch nicht.
Tracking Difference vs. Tracking Error: die Praxisprobe
Die Tracking Difference ist die Renditedifferenz zwischen ETF und Index über einen Zeitraum, meist ein Jahr: ETF-Gesamtrendite minus Index-Gesamtrendite. Sie ist die Netto-Realität nach Kosten, Steuern, Replikation und operativen Effekten. Liegt die Differenz nahe der negativen TER, ist das plausibel. Weicht sie deutlich ab – negativ oder positiv –, lohnt der Blick in die Mechanik.
Der Tracking Error misst die Streuung dieser Differenz, also die Volatilität der Abweichungen. Technisch ist es die Standardabweichung der monatlichen oder wöchentlichen Überschussrenditen des ETFs gegenüber dem Index. Ein niedriger Tracking Error signalisiert verlässliche Indexnähe, ein hoher weist auf schwankende Abweichungen hin, etwa durch Sampling, illiquide Segmente, Futures-Einsatz oder ein ineffizientes Rebalancing. Institutionelle Investoren achten deshalb oft stärker auf den Tracking Error als auf die TER.
Warum Abweichungen entstehen
Mehrere Faktoren erklären, warum die Tracking Difference nicht der TER entspricht. Erstens Quellensteuern: Indizes werden meist als Net-Total-Return berechnet, mit pauschalen Annahmen zur Steuerbelastung. Je nach Fondsdomizil und Doppelbesteuerungsabkommen kann ein ETF tatsächlich weniger Quellensteuer zahlen als im Index unterstellt – oder mehr. Daher kommt es vor, dass ein ETF den Index trotz positiver Kostenbelastung leicht übertrifft. MSCI und Vanguard haben diesen Effekt in Research-Papieren ausführlich beschrieben.
Zweitens die Replikationsmethode. Vollreplikation ist in breiten, liquiden Indizes präzise, bringt aber Handelskosten und Cash-Anteile um Ex- und Cum-Dividenden mit sich. Optimiertes Sampling senkt Transaktionsaufwand, erhöht jedoch die Abweichungsrisiken gegenüber dem Regelwerk des Index. Synthetische Replikation via Swap kann die Abbildung in schwierigen Segmenten verbessern, konzentriert aber Kontrahentenrisiken und macht die Kostenstruktur weniger transparent.
Drittens Wertpapierleihe. Verleiht der ETF Titel, können die Erträge die Kosten teilweise kompensieren und die Tracking Difference verbessern. Entscheidend sind die Leihepolitik und die Quote, die an den Fonds zurückfliesst. Viertens das Rebalancing: Indizes ändern regelmässig ihre Zusammensetzung. Enges, kostenintensives Nachtracking erhöht die Treue, lockeres, kostensensitives Rebalancing reduziert Spesen, erhöht aber den Tracking Error. Fünftens Währungen: Für Anleger:innen in CHF können ungesicherte ETFs trotz perfekter Indexabbildung in Lokalwährung erhebliche Schwankungen durch den Devisenmarkt zeigen. Währungsabsicherung dämpft das, erzeugt aber laufende Hedge-Kosten und ein zusätzliches Mass an Tracking Error.
Wie man Kennzahlen sinnvoll liest – ohne Scheuklappen
Für die Beurteilung hilft ein dreistufiger Blick. Erstens die historische Tracking Difference über mehrere Jahre: Sie zeigt, wie teuer oder günstig die reale Indexabbildung war – inklusive aller Nebeneffekte. Werte deutlich schlechter als die TER deuten auf strukturelle Reibungen hin; Werte nahe der TER sprechen für effiziente Umsetzung. Zweitens die Stabilität, also der Tracking Error: Ein tiefer Wert ist kein Selbstzweck, aber oft ein Indiz für robuste Prozesse, gute Liquidität und disziplinierte Replikation. Drittens die Ursachenanalyse: Replikationsmethode, Domizil, Steuer-Setup, Leihepolitik, Hedge-Ansatz. Diese Informationen stehen in KIDs, Jahresberichten und Factsheets und werden von seriösen Anbietern nachvollziehbar erläutert.
Wichtig bleibt der Kontext. Ein ETF mit 0,05% TER kann in einem schwierigen Segment teurer in der Praxis sein als ein Produkt mit 0,15% TER, wenn Handel, Steuern und Indexdetails dagegenlaufen. Umgekehrt kann ein ETF dank günstiger Quellensteuer und Leiheerträgen seinen Index auf Net-Total-Return-Basis leicht schlagen – ohne Zauberei. Studien von ESMA zu Offenlegungspflichten, MSCI Research zu Steuer- und Replikationseffekten sowie Anbieterveröffentlichungen von Vanguard oder iShares liefern hierfür konsistente Evidenz.
Für informierte Anlageentscheide gilt daher: TER ist der Ausgangspunkt, Tracking Difference die Abrechnung, Tracking Error der Zuverlässigkeitscheck. Wer diese Trias zusammendenkt und mit den produkt- und indexspezifischen Details abgleicht, reduziert Überraschungen im Portfolio. Dieser Artikel stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar; er soll einordnen, worauf es bei passiven Produkten in der Praxis ankommt.
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