Thesaurierend vs. ausschüttend: was zählt für Anleger:innen?
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Thesaurierend vs. ausschüttend: was zählt für Anleger:innen?

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Thesaurierend oder ausschüttend? Der Vergleich zeigt, wie Steuern, Kosten und Verhalten in der Schweiz die Nettoerträge prägen – über die Schlagworte hinaus.

Thesaurierend oder ausschüttend? Hinter der scheinbar technischen Frage steckt viel Substanz. Es geht um die Mechanik der Ertragserfassung, um Steuern und Kosten, um Liquidität im Portfolio – und um Verhalten. Wer die Unterschiede nüchtern einordnet, vermeidet vermeidbare Reibungsverluste und richtet die Geldanlage am eigenen Bedarf aus. Der Beitrag ist informativ und ersetzt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.

Thesaurierend vs. ausschüttend: die Mechanik

Ein ausschüttender Fonds reicht Dividenden und Zinsen periodisch an die Anleger:innen weiter. Ein thesaurierender Fonds behält diese Erträge im Vehikel und legt sie wieder an. Wirtschaftlich betrachtet investiert man in beide Varianten denselben Korb an Wertpapieren; die Differenz liegt in der Behandlung der Erträge und im Verlauf des Nettoinventarwerts (NAV). Beim Ausschütter sinkt der Kurs am Ex-Tag um die Auszahlung, beim Thesaurierer steigt der NAV über die Zeit etwas schneller, weil Erträge im Topf bleiben. In einem idealisierten, friktionsfreien Markt mit identischen Kostenstrukturen wären die Nachsteuerrenditen bei sofortiger Wiederanlage der Ausschüttungen gleich.

In der Praxis gibt es Reibung. Wer Ausschüttungen nicht oder verspätet reinvestiert, riskiert Cash Drag. Wer reinvestiert, zahlt Transaktionskosten und bewegt sich im Bid-Ask-Spread. Thesaurierer umgehen diese Stolpersteine intern, was insbesondere bei kleineren Ausschüttungsbeträgen oder bei Gebührenmodellen ohne kostenlose Wiederanlage einen Unterschied machen kann. ETF-Anbieter wie iShares und Vanguard weisen in ihren Unterlagen darauf hin, dass die Wahl der Ertragsverwendung vor allem eine Frage des Cashflows ist, nicht der erwarteten Bruttorendite.

Ein einfaches Beispiel macht die Grössenordnungen greifbar: Beträgt die laufende Rendite eines globalen Aktienfonds 2,5 % pro Jahr und die Ausschüttung fällt halbjährlich an, kann eine verzögerte Wiederanlage von zwei Wochen je Termin die Jahresrendite um ein paar Basispunkte verwässern. Bei CHF 100'000 Anlagevolumen entsprechen 10 Basispunkte rund CHF 100 pro Jahr. Ob das ins Gewicht fällt, hängt von Gebührenstruktur, Handelskosten und Disziplin ab.

Schweiz-spezifische Steuern und Kosten

Steuerlich gilt für in der Schweiz steuerlich ansässige Privatpersonen ein zentraler Punkt: Erträge aus kollektiven Kapitalanlagen sind in der Regel einkommenssteuerpflichtig, unabhängig davon, ob sie ausgeschüttet oder thesauriert werden. Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) publiziert über die Datenbank ICTax für viele Fonds die steuerbaren Erträge je Anteil und Steuerperiode. Bei thesaurierenden Vehikeln wird der reinvestierte Ertrag als steuerbarer Ertrag ausgewiesen, obwohl kein Geld fliesst. Das nivelliert den vermeintlichen Steuervorteil der Thesaurierung, der in anderen Jurisdiktionen teilweise existiert.

Kapitalgewinne bleiben für Privatpersonen im Privatvermögen in der Regel steuerfrei, während Dividenden und Zinsen als Einkommen gelten. Fonds können – je nach Domizil und Struktur – Erträge unterschiedlich klassifizieren. Schweizer Fonds unterliegen bei ausschüttungsfähigen Erträgen zudem der Verrechnungssteuer von 35 %. Diese kann bei korrekter Deklaration in der Steuererklärung zurückgefordert werden. Bei ausländisch domizilierten ETFs (häufig Irland oder Luxemburg) fällt keine zusätzliche Quellensteuer auf Anlegerebene an, allerdings belasten Quellensteuern auf Ebene der Zielländer die Bruttoerträge des Fonds. Doppelbesteuerungsabkommen und Fondsdokumentationen (z. B. Steuerreportings) bestimmen, wie viel davon effektiv zurückholbar ist.

Kosten sind der zweite Hebel. Thesaurierende und ausschüttende Anteilsklassen desselben ETFs weisen in der Regel identische Verwaltungsgebühren (TER) auf. Unterschiedlich können jedoch implizite Kosten durch Anlegerverhalten sein: Wer Ausschüttungen via Broker automatisch kostenlos reinvestieren kann, nähert sich der Thesaurierung an. Ohne solche Funktion entstehen Handelsgebühren und Spreads. Zudem kann eine planbare Ausschüttung die Liquiditätssteuerung erleichtern, etwa wenn regelmässige Ausgaben zu decken sind. Für langfristigen Vermögensaufbau ohne laufenden Kapitalbedarf reduziert die Thesaurierung Administrationsaufwand und minimiert potenziellen Cash Drag.

Datenquellen und Reinvestition in der Praxis

Für die korrekte Deklaration sind verlässliche Daten zentral. Die ESTV-ICTax-Datenbank bietet steuerliche Ertragswerte für viele, aber nicht alle Produkte. Fehlen Einträge – etwa bei neuen oder exotischen Vehikeln –, bleibt die Pflicht zur zutreffenden Deklaration bestehen, was Zusatzaufwand bedeutet. Seriöse Anbieter publizieren steuerliche Jahresberichte mit der Aufschlüsselung der Ertragsarten. Wer Ausschüttungen reinvestiert, sollte auf die Gesamtkosten achten: Gebühren, Spreads, allfällige Fremdwährungskosten und die Reinvestitionsfrequenz. Je nahtloser die Wiederanlage, desto geringer die Abweichung zur Thesaurierung.

Rendite, Liquidität und Verhalten

Renditeunterschiede zwischen thesaurierenden und ausschüttenden Fonds resultieren selten aus der Ertragsverwendung an sich, sondern aus Timing, Kosten und Steuern. Für die Mehrzahl breit diversifizierter ETFs ist der Renditepfad über die Zeit sehr ähnlich, wenn Ausschüttungen diszipliniert reinvestiert werden. Der grössere Hebel liegt im Anlagestil: Asset Allocation, Kosten und steuerliche Einbettung dominieren den Ertrag, nicht die Frage, ob ein ETF ausschüttet.

Die Liquiditätsdimension ist praktischer Natur. Ausschüttungen schaffen planbaren Cashflow, der sich für Entnahmepläne oder zur Deckung von Steuern und Ausgaben eignet, ohne Anteile zu verkaufen. Thesaurierer bündeln den Ertrag im NAV; wer Liquidität möchte, veräussert Anteile. Das ist bei liquiden ETFs mit tiefen Spreads meist unproblematisch, verlangt aber eine bewusste Entnahmestrategie. Psychologisch sind Thesaurierer hilfreich für Anleger:innen, die Cash nicht herumliegen lassen wollen; Ausschütter können für mehr Transparenz im Ertragserleben sorgen, was Disziplin stützen oder unterminieren kann – je nach Typ.

Ein Fazit ohne Dogma: In der Schweiz nivelliert die steuerliche Behandlung die vermeintlichen Trennlinien. Entscheidend sind persönliche Cashflow-Bedürfnisse, die Qualität und Verfügbarkeit steuerlicher Daten, die Möglichkeit zur kostengünstigen Wiederanlage und die eigene Verhaltensökonomie. Wer diese Faktoren sauber abwägt und auf solide Quellen baut – namentlich die ESTV-ICTax-Datenbank sowie die steuerlichen Berichte der Anbieter –, trifft eine robuste Wahl, unabhängig davon, ob der Fonds thesauriert oder ausschüttet.

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