Tracking Difference: wichtiger als die TER?
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Tracking Difference: wichtiger als die TER?

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Die Tracking Difference zeigt, wie nah ein ETF seinem Index folgt. Sie kann wichtiger sein als die TER – wegen Steuern, Replikation und Handelskosten.

Indexfonds und ETFs gelten als transparent und günstig. Der Blick fällt deshalb reflexartig auf die Total Expense Ratio. Doch die TER ist nur ein Preisschild, kein Kassenbon. Wer verstehen will, wie gut ein ETF seinen Index abbildet, misst die Tracking Difference. Sie zeigt die effektive Abweichung der Fondsrendite von der Indexrendite über eine bestimmte Periode. Im Alltag erweist sie sich oft als relevanter als die TER, weil sie sämtliche Reibungsverluste – und gelegentliche Zusatzerträge – zusammenfasst.

Was die Tracking Difference wirklich misst

Die TER umfasst die laufenden Kosten, die die Fondsgesellschaft belastet. Nicht enthalten sind Transaktionskosten im Fonds, Steuern auf Dividenden und Quellensteuern, Rebalancing-Aufwände, Swap-Gebühren bei synthetischer Replikation oder der Ertrag aus Wertpapierleihe. Die Tracking Difference (TD) nimmt all das mit. Sie ist die Differenz zwischen der Nettoperformance des ETF und der Referenz des Index über denselben Zeitraum.

Wichtig ist die Unterscheidung zum Tracking Error. Während die TD den durchschnittlichen Abstand über die Zeit misst, zeigt der Tracking Error die Schwankungsbreite dieses Abstands. Regulatoren wie die ESMA definieren beide Grössen getrennt, um Konsistenz und Vergleichbarkeit zu sichern. Für Anlegerinnen und Anleger, die auf langfristige Zielrenditen achten, ist die durchschnittliche Abweichung – also die TD – meist entscheidender als deren Volatilität.

In der Praxis kann ein ETF mit TER von 0,10% eine TD von −0,25% aufweisen. Dann frisst mehr als nur die ausgewiesene Gebühr Rendite. Umgekehrt gibt es Fonds, die ihre Indexrendite leicht übertreffen – etwa dank Einnahmen aus Wertpapierleihe oder durch effizientes Bar- und Dividendenmanagement. Morningstar und MSCI haben wiederholt gezeigt, dass TER zwar ein starker, aber kein vollständiger Erklärer der TD ist; Steuerdrag, Replikationsmethode und Marktstruktur spielen eine zentrale Rolle.

Steuern, Domizil und Replikation als Haupttreiber

Der grösste verdeckte Bremsklotz ist oft die Besteuerung von Dividenden auf Indexebene. Je nach Domizil des Fonds und Doppelbesteuerungsabkommen verbleibt ein Teil der Bruttodividende als nicht rückforderbare Quellensteuer im Fonds. Bei globalen Aktienindizes summiert sich dieser Steuerdrag. UCITS-ETFs mit Domizil Irland oder Luxemburg profitieren in vielen Märkten von günstigen Quellensteuersätzen auf Fondsebene; andere Standorte sind beim Rückfluss teils benachteiligt. Solche Unterschiede schlagen sich direkt in der Tracking Difference nieder. Auch bei Schweizer Aktien wirken Quellensteuern, je nach Struktur kann die Rückforderung auf Fonds- oder Investorenebene erfolgen – das Timing und die Quote prägen die effektive Abbildung.

Die Replikationsmethode zählt ebenso. Physische Vollreplikation tendiert zu stabilen, aber nicht zwingend minimalen TDs; Sampling senkt Handelskosten in illiquiden Segmenten, riskiert aber Abweichungen bei Faktor- und Sektorbetonungen. Synthetische ETFs können eine enge Abbildung liefern, wenn der Swap die Bruttoindizes effizient abdeckt. Die Swap-Kosten, Collateral-Regeln und eventuelle Steuerarbitrage bestimmen dann, ob die TD die TER unter- oder überschreitet. In Anleihenindizes wirken zudem Handels- und Transaktionssteuern, Bid-Ask-Spreads und Indexumschichtungen stärker als bei liquiden Blue-Chip-Aktien. All das zahlt in die TD ein.

So lässt sich die TD seriös beurteilen

Entscheidend ist, welche Indexreferenz man heranzieht. Ein ETF, der Nettodividenden reinvestiert, sollte gegen den Net-Total-Return-Index verglichen werden. Steht der Fonds währungsgesichert, gehört die entsprechende abgesicherte Indexvariante ins Raster. Falsche Paare verzerren die Aussage. Etabliert hat sich eine mehrjährige Betrachtung über 3 bis 5 Jahre, vorzugsweise rollierend. Einzeljahre können durch einmalige Steuererstattungen, ausserordentliche Indexwechsel oder Marktstress verzerrt sein.

Datenquellen gibt es einige. Emittenten veröffentlichen die jährliche Abweichung im Factsheet oder im Jahresbericht, teils auch den Tracking Error. Unabhängige Plattformen wie Morningstar oder JustETF berechnen TD-Serien auf Basis der Monats- oder Tageswerte. Wer die Zahlen prüft, sollte auf Brutto- versus Nettorenditen, Währungsumrechnung und die korrekte Anteilsklasse achten. Ausschüttende und thesaurierende Klassen desselben ETF können unterschiedliche TD-Muster zeigen, etwa wenn Liquiditätsmanagement und Dividendentermine divergieren.

Ein differenzierter Blick lohnt auch bei scheinbaren Anomalien. Eine negative TD, die deutlich unter der TER liegt, deutet auf Zusatzkosten im Betrieb des Fonds hin, beispielsweise durch hohe Umschichtungsquoten, Transaktionssteuern oder teure Indexanpassungen. Eine TD, die besser ist als die TER, ist kein Free Lunch, sondern meist das Ergebnis temporärer Erträge aus Wertpapierleihe oder Barbeständen. Diese Quellen können zyklisch versiegen. Nachhaltige Strategien mit strengen Ausschlusskriterien replizieren ihren Referenzindex oft per Optimierung; die TD hängt dann stark an der Modellgüte und den Handelskosten in Nischenwerten.

Für die Portfolioallokation heisst das: TER als Startpunkt, Tracking Difference als Realitätstest. Wer Mandate steuert oder Vermögen in Eigenregie verwaltet, sollte die TD neben Liquidität, Spread und Replikation fest in den Auswahlprozess integrieren. In weniger effizienten Anlageklassen – High Yield, Schwellenländeranleihen, Small Caps – wirkt die TD erfahrungsgemäss stärker und streut breiter als in entwickelten Large-Cap-Aktienindizes.

Dieser Beitrag stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er soll helfen, Kennzahlen korrekt einzuordnen und Informationsquellen gezielt zu nutzen.

Quellen: ESMA, Guidelines on ETFs and other UCITS issues (ESMA/2014/937); Morningstar, European Passive Funds Research und ETF-Landschaften, diverse Jahrgänge; MSCI, Understanding ETF Tracking Difference and Tracking Error (2021); Vanguard, The case for index-fund transparency and costs (diverse Publikationen).

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